Mit nichts als Mut

Geliebte Bühne: Jochen Schölchs Freimanner Metropol feierte jetzt seinen zehnten Geburtstag.

Wer so über Theater redet, ernsthaft, dabei mit solch intelligent-charmantem Witz und Selbstironie, der kann gar nicht anders, als gutes Theater zu machen. Aber das wissen wir ja längst von Jochen Schölch und seinem Team, in dem - völlig neidlos - auch Regisseure wie Gil Mehmert, Thomas Flach und andere Gleichgesinnte hochwillkommen sind.

Aus innerer Notwendigkeit, dem etablierten Theatersystem zu entkommen, gründete Schölch 1988 im ehemaligen Freimanner "Kartoffelkino" Metropol seine ganz spezielle Schölch-Wirkstätte, "mit nichts als Mut", zur Seite die Kompagnons Dominik Wilgenbus und (den finanziell unterstützenden) Bernd Kellner. Und natürlich waren jetzt zur Jubiläumsfeier alle gekommen, die dieses neue alte Metropol lieben. Alle, die sich gerne immer wieder in die engen 50er-Jahre-Klappsessel quetschen - von den Schauspielern selbst restauriert, ab sofort  knarzfrei! ,  weil man von dort wie Alice durchs Dunkel ins Wunderland der schönsten Geschichten fällt.

Des Lobes voll Kulturreferent Hans-Georg Küppers. Und OB Christian Ude versprach sogar bürokratischen Rückenwind, sollten sich die geplanten drei Extra-Parkettreihen realisieren lassen. Zu schön wär' s , denn 140 Plätze sind nun wahrlich zu wenig für dieses inzwischen international beachtete Theater: Mit Schölchs "Dogville" geht es demnächst nach Shanghai.

Die sympathische Rede von Axel Berg, Vorsitzender des Metropol-Freundeskreises machte dem naiven Zuschauer zum ersten Mal klar, dass auch er von diesem Freundes-Engagement profitiert. Denn ohne die Anstrengung von jetzt schon 800 Mitgliedern - wer möchte das 801. und 802. werden? - hätte es keine Renovierungen gegeben. Gäbe es auch nicht die Aussicht auf einen vorgebauten Wintergarten. Die projizierte Bauplan-Skizze verheißt ein um etliche Quadratmeter vergrößertes Metropol. Halleluja! Denn was danach als rasanter Digest aller Metropol-Produktionen über die Leinwand flirrte, von "Black Rider" und "Die drei Leben der Lucie Cabrol" bis zu "Ballhaus", "Jesus von Texas", "Die Furien", "Der "Elefantenmensch" und "Terrorismus", um nur einige zu nennen, ist - raumsprengend.

Schölch hat es gewagt, nach dem zuletzt verkopft wuchernden Regietheater, nach der modischen Klassiker-Dekonstruktion wieder zu erzählen, über die Sprache und über Bilder: Bilder des armen Theaters, die es vermögen, durch ein sinnliches Herausfordern unserer Vorstellungskraft menschliche Spannungsverhältnisse, lebensechte Situationen zu entwerfen. Bei Schölch ist ein Tisch ein Tisch, ist plötzlich Schultafel und gleich darauf Totenbahre. Der Milcheimer ist Kuhschädel oder auch Kuhglocke. Ein paar Darsteller spielen alles, Mensch, Tier und Strauch. Sie spielen es so, bekräftigen Christian Baumann und Thomas Meinhardt, "weil hier die Schauspieler geliebt werden".

Ein seltenes Glück ist Schölchs Leitung des Schauspiel-Studiengangs der Theaterakademie. Seine Idee von Theater kann er direkt an die nachwachsende Generation weitergeben. Neben der Akademiebühne ist das Metropol zum zweiten Schaufenster für seine Studenten geworden. Wir haben die Chance, hautnah den Nachwuchs aufblühen zu sehen. - Auf dass noch viele Jubiläen folgen.

Info:

Tel. 089/32 19 55 33.

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