„Nichts ist sicher vor unserem Unfug“

München - Besuch bei den Proben zum neuesten Lustspielhaus-Spektakel „Auerbach – eine Wirtshaustragödie mit Musik“

„Auerbachs Keller“, den berühmten, einzigartigen, von Goethe in der Literatur verewigten, hatte man eigentlich in Leipzig vermutet. Steigt man aber dieser Tage die Stufen des Kulturzentrums Einstein hinunter in die einstigen Bierkeller einer Brauerei, findet man ihn auf einmal mitten in München: Unter schwerem, fensterlosem Steingewölbe tummelt sich zwischen Bierbänken ein munteres Künstler-Völkchen: Musiker, Schauspieler und sonstige Bohèmiens.

Selten kommt eine Probebühne atmosphärisch dem Spielort eines Stücks wohl so nahe wie jetzt in diesem Gemäuer. Regisseur und Kabarettist Manfred O. Tauchen studiert hier sein neuestes Bühnenspektakel „Auerbach – eine Wirtshaustragödie mit Musik“ ein, das am Donnerstag im Lustspielhaus Premiere hat. Kulissen mussten da gar nicht groß entworfen werden – das Abmalen der grauen Steinwände mit ihren großen Fugen dürfte weitgehend genügt haben. Nahtlos scheinen sie in die zum Trocknen aufgestellten Leinwände überzugehen. Ein Galgen wartet außerdem noch in einer Ecke darauf, dass das Gretchen an ihm aufgeknüpft werde.

Goethes „Faust“ trifft es also diesmal. „Nichts, kein Stoff der Weltliteratur, ist sicher vor unserem Unfug“, gibt Tauchen amüsiert zu. Angefangen hat das unterhaltsam respektlose Treiben in den Siebzigerjahren, als Tauchen, Wolfgang Ambros und Joesi Prokopetz mit „Der Watzmann ruft“ ein „Rustical“ erfanden, das zum Kult wurde. Im Jahr 2000 brachte es Tauchen zusammen mit Gabi Rothmüller in neuer Besetzung auf die Lustspielhaus-Bühne.

Es folgten – in unterschiedlicher Regie und teils mit Beteiligung von Tauchen – schließlich am selben Ort „Siegfried, ein Germanical“ und „Wilhelm Tell, ein Armbrustical“ von Rothmüller und Alexander Liegl. „Die alten, großen Mythen“ böten sich geradezu an für eine Comedy, sagt Tauchen. „Und was gibt es Deutscheres als den ,Faust‘? Der war fällig.“ Zumal das Volk der Dichter und Denker ihn gar mehr richtig draufhabe. „Wir wurden gefragt, ob ,Auerbach‘ etwas mit dem ,Faust‘ zu tun hat. Jetzt müssen wir diesen offenbar befremdlichen Titel halt durchhalten.“ An diesem Tag ist musikalische Probe, die vierköpfige Band spielt sich gerade ein und lässt die Gewölbe erzittern. Ihre Aufgabe ist ein wilder Musik-Zitate-Mix von Samba über Blues bis Gospel, sie begleitet den Gretchen-Schlager „Meine Ruh’ ist hin“ ebenso wie den Versmaße-Rap des besoffenen Erdgeists.

Jetzt aber schwingen Auerbachs „Kellner“, drei an der Zahl, die Serviertücher und trällern in ihrem Liedchen eine etwas eigenwillige Auffassung von Gastronomie. Fürs Erste ist Regisseur Tauchen damit zufrieden – Perfektion wäre bei den drei dilettierenden Servierclowns eher ein Fehler. Vom Klassiker freimachen muss man sich sowieso bei dieser „Faust“-Variation. Tauchen hat die über 4600 Verszeilen auf die einschlägigsten Zitate reduziert und zu seinen Zwecken frech umformuliert. Der ganzen Tragödie erster Teil spielt bei ihm im Wirtshaus. „Dort sitzt Faust als erfolgloser Dichter herum wie in Wien, wo jedes Kaffeehaus seinen Poeten mit Haus- und Narrenrecht hat.“

Gretchen ist die Bedienung, Herr Auerbach spricht selbstverständlich Sächsisch und seine Stammgäste sind eine zwielichtige „Hausdame“, genannt Hexe, und Mephisto, der Beelzebubi. „Der ist ein armseliger Hilfsteufel, viel zu gut für seinen Beruf, schlecht ist er nur im Bösesein. Seine letzte Chance ist, Faust die Seele abzuluchsen, sonst wird er gekündigt.“

Und während Tauchen vom Teufel spricht, kommt er schon zur Tür herein, es ist der Schauspieler Hagen Range. Er wird trotz seiner 1.-FC-Köln-Mütze in der Münchner Produktion akzeptiert, schließlich spielt der gebürtige Rheinländer ja auch einen Außenseiter bei Auerbachs. Jetzt ist er an der Reihe, markiert mit rotem Umhang und zwei Hörnchen am Kopf den singenden Superman und ist doch nur „ein armes Teufelchen, das unter starkem Druck von unten steht“, so Tauchen. Den Herrn Faust, der sich nach seiner fadenscheinigen Verjüngungskur in seiner unkleidsamen, senfgelben Pluderhose einfach für umwerfend hält, spielt übrigens Tauchen selbst.

von Christine Diller

Premiere im Lustspielhaus

am 19. Februar; 20.30 Uhr;
Telefon 089/34 49 74.

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