Nichts unter dem Visier

- Diese Rede hätte Angela Merkel auch vor jedem Sparkassenverein halten können. Hatte denn der CDU-Vorsitzenden niemand gesagt, dass von einem Festvortrag zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele anderes erwartet wird als von einer Wahlrede oder einer Wortmeldung im Bundestag? Dieses heruntergeschnurrte Feuerwerk an propagandistischen Allgemeinplätzen hatten Gastgeber Peter Jonas und das Publikum nicht verdient.

<P>Hatte der Staatsopernintendant die Politikerin doch eingeladen in der Hoffnung darauf, intellektuellen Gewinn zu ziehen aus ihrer Auseinandersetzung mit der Frage: Welche Rolle spielt die Kunst in der Zukunft dieses Landes? Merkel war die Ehre widerfahren, das Podium des Münchner Cuvillié´stheaters zu betreten - erobert hat sie es nicht. Denn sie weiß wohl nicht, dass auf der Bühne der Kunst nur der bestehen kann, der sich ungeschützt stellt - den Fragen nach Wahrheit, den Widersprüchen, dem eigenen Selbst; der das Risiko eingeht, sich hinter die Maske schauen zu lassen.</P><P>Mag es zu DDR-Zeiten, den ersten 35 Lebensjahren von Angela Merkel, notwendig gewesen sein, gesichtslos zu bleiben, um diesen Staat unbeschadet zu überstehen; heute ist das runtergeklapptes Visier fehl am Platze und nur langweilig. Informationsgesellschaft, wirtschaftliche Effizienz, Internet und kulturelle Identität - keine Floskel, die sie nicht ausließ in ihrer Rede: Die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Nation steige in Zeiten der Globalisierung; nur aus der Kultur heraus könne der Mensch ein Reich von Freiheit gewinnen; Freiheit und Kultur hätten den gleichen Ursprung . . . </P><P>Ihren eigenen kulturellen Ursprung aber, ihr eigenes Erleben von Kunst, von Theater, von Oper, die persönliche Erfahrung dessen, wie es trotz Zeiten sozialistischer Diktatur zu künstlerischer Blüte kam, unterschlug die Rednerin. Gab sie etwa nichts von sich preis, weil's nichts preiszugeben gibt? Was die Qualität einer Rede ausmacht, wie sehr sie von Persönlichkeit und Aufrichtigkeit, Provokation und Radikalität lebt, machte eingangs Peter Jonas in scharfer, mustergültiger Diktion vor. In Deutschland, so der Opernchef, sei eine Generation von Politikern herangewachsen, deren Haltung zu Kultur und Kunst erbärmlich sei. An diesem Abend zumindest behielt er Recht.<BR></P>

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