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Nick Cave - in dieser Szene (Ausschnitt) festgehalten von Reinhard Kleist für sein Artbook „Nick Cave & The Bad Seeds“.

Reinhard Kleists Comic-Biografie „Mercy on me“ 

Nick Caves Leben – ein Bilderrausch

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Reinhard Kleist legt zum 60. Geburtstag von Nick Cave eine eindrucksvolle Comic-Biografie des Künstlers vor.

Reinhard Kleist

Berlin – Am Ende ist es Robert Johnson, der ihn mit zwei lapidaren Sätzen über die vielen, vielen anderen Musiker erhebt: „Sie haben ihn getroffen, den richtigen Ton“, sagt der „King of the Delta Blues“ (1911-1938) zu Nick Cave und meint damit „den Akkord, der ewig schwingt“. Ein musikalischer Ritterschlag. Doch der deutsche Comic-Künstler Reinhard Kleist ist klug genug, dieser Szene jegliches Pathos zu verweigern und sie in einer schäbigen Karre spielen zu lassen. Cave ist da gerade auf dem Weg nach Genf, wo sie das „Gottesteilchen“ suchen. All das besingt er in seinem „Higgs Boson Blues“. Während der Fahrt rücken ihm die Figuren seiner Lieder penetrant auf die Pelle. Draußen, außerhalb des Autos mit den beiden Musikern, stürzt derweil die Welt ins Chaos.

Nein, „Nick Cave. Mercy on me“ erzählt nicht linear das Leben des singenden Schriftstellers und schreibenden Schauspielers nach, der am Freitag seinen 60. Geburtstag feiert. Es wäre auch unpassend. Reinhard Kleist nähert sich dem so vielseitig begabten Künstler vielmehr über dessen Werk – und mit Mut zur Fantasie. Seine mehr als 300 Seiten starke Comic-Biografie ist ein optisch und dramaturgisch wilder Ritt durch Caves Leben, Caves Songs, Caves Bücher. Tatsächlich Geschehenes wechselt sich ab mit Assoziationen, Albträumen, Analysen. In dieser meisterhaften Melange dringt der Autor und Zeichner zu einem vibrierenden Kern vor, zum dunklen Grundstein im Werk des Australiers.

Kleist ist ein Meister der Comic-Biografien

Geht es um Comic-Biografien, ist der 1970 in Hürth bei Köln geborene Kleist einer der wichtigsten und besten Genre-Vertreter. Er hat das Leben von Fidel Castro nachgezeichnet, von Hertzko Haft erzählt, der als Boxer das KZ Auschwitz überlebte, und der somalischen Olympiateilnehmerin Samia Omar ein Denkmal gesetzt, die während ihrer Flucht nach Europa ums Leben kam. Er hat Elvis eine illustrierte Biografie gewidmet und mit seinem Stift Johnny Cashs Höhenflüge und Abstürze zu Papier gebracht. „Mercy on me“ schließt sich hier beinahe nahtlos an.

Dieses Buch schlägt jedoch zugleich den Bogen zurück zu den Anfängen von Kleists Karriere. Im Jahr 1994 widmete er dem US-Schriftsteller H. P. Lovecraft ein bemerkenswertes Album, das völlig zurecht mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet wurde, der wichtigsten deutschsprachigen Ehrung für grafische Literatur. Damals adaptierte Kleist auch die Lovecraft-Kurzgeschichte „Die Musik des Erich Zann“ (1921/22), für die er albtraumhafte Bilder fand, die Reales und Irreales eindrucksvoll mischten.

1995 sang Cave mit Kylie Minogue „Where the wild Roses grow“

Natürlich hat Kleist seinen Strich seither enorm präzisiert. Doch pulst viel von der Energie, die jenes Frühwerk noch heute lesenswert macht, nun durch seine Cave-Biografie. Die fünf Teile des Buches tragen Titel von Liedern sowie vom Romandebüt des Australiers, „And the Ass saw the Angel“ aus dem Jahr 1989. In sattem Schwarz-Weiß erzählt Kleist vom Schicksal der jeweiligen Protagonisten und spiegelt in deren Leben die Biografie ihres Schöpfers. Manchmal, etwa im Kapitel „Where the wild Roses grow“ nach Caves extrem erfolgreichem Duett mit Kylie Minogue (1995), orientiert er sich bei der Gestaltung auch am Video zum Song. Cave-Kenner werden auf den mehr als 300 Seiten noch weitere Verweise entdecken – und sich ab und an die Frage stellen: Fakt oder Fiktion?

Der Leser zieht mit dem jungen Musiker nach London, wo niemand auf ihn und seine Band The Birthday Party gewartet hat. 1983 geht es weiter nach West-Berlin, wo er sich mit Blixa Bargeld, dem Sänger der Einstürzenden Neubauten, anfreundet. Gemeinsam gründen sie The Bad Seeds – die Gruppe begleitet Cave bis heute. Zuletzt erschien im vergangenen Jahr das Album „Skeleton Tree“; Anfang November spielen sie in München.

Für „Cash“ erhielt Kleist den Max-und-Moritz-Preis

Kleist kennt die Konventionen des Comic-Genres – weiß aber auch, wann es sinnvoll ist, diese zu ignorieren. So findet er zeichnerisch zwingende Lösungen, um Musik und die Atmosphäre eines guten Konzertes festzuhalten. In solchen Momenten scheinen die Seiten des Buches zu explodieren. Panels, die in der grafischen Literatur üblicherweise eine Erzählung rhythmisieren, geraten ins Schlingern, Rutschen, Rauschen und können die Wucht des Gezeigten kaum zähmen. Hier lässt Kleist den bieder-pastelligen Stil seiner „Elvis“-Biografie weit hinter sich und treibt die Bildsprache des ebenfalls mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichneten „Cash“-Bands einige irrwitzige Umdrehungen weiter. Daher beeindruckt „Mercy on me“ erzählerisch und visuell, ist Herausforderung, aber auch Fest der Sinne – selbst für jene, die nur „Where the wild Roses grow“ kennen.

Informationen zu den Büchern:

Reinhard Kleist: „Nick Cave. Mercy on me“. Carlsen, 328 Seiten; 24,99 Euro. Ergänzend ist ein LP-großes Artbook mit Skizzen, weiteren, auch farbigen Zeichnungen und illustrierten Songs erschienen. Reinhard Kleist: „Nick Cave & The Bad Seeds“. Carlsen, 96 Seiten; 24,99 Euro.

Lesung:

Reinhard Kleist stellt sein Buch am 25. September, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, vor; Telefon 089/ 29 19 34 27.

Konzert:

Nick Cave spielt am 2. November im Münchner Zenith (ausverkauft).

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