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Sie bringen die barocke Überfülle des Kraut-Rüben-und-Blumen-Theaters auf die Bühne der Münchner Kammerspiele: Daniel Lommatzsch (li.) und Franz Rogowski.

Premierenkritik

Jelineks „Wut“ in den Kammerspielen: Ein Kessel Buntes

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München - Nicolas Stemann inszenierte an den Münchner Kammerspielen die Uraufführung von Elfriede Jelineks „Wut“.

Auch wenn der Fasching längst vorbei ist – an den Münchner Kammerspielen geht’s jetzt erst richtig rund: Mit Hausregisseur Nicolas Stemann hat dort der Karnevalist unter den Elfriede-Jelinek-Interpreten die Bütt bestiegen. Wolle mer’n reilasse? Warum nicht, denn nachdem Jossi Wieler und Johan Simons an diesem Haus Jelinek-Stücke bisher als strenge Sprach-Requien zelebrierten, kann man ja mal die Gaga-Variante testen.

Also ist zu erleben, wie Stemann ein Hops-, Kreisch- und Bildgewitter über die Bühne knattern lässt, dass man mit dem Schauen kaum hinterherkommt bei der Uraufführung von „Wut“, dem jüngsten Werk der Nobelpreisträgerin. Dabei geht es in dieser „Textfläche“, die als Reaktion auf die Ermordung der „Charlie Hebdo“-Redakteure entstand, natürlich um eine gar nicht komische Angelegenheit, eben um den islamistischen Terror, aber auch um „Wutbürger“, Shitstorms und sonstige Aggressionen in und um uns, die zeigen: Das Zeug zum Amok-Attentäter hätten wir vermutlich alle, wenn wir in der entsprechenden Situation wären.

Zuerst aber tritt der Regisseur selbst auf die Bühne und entfaltet erstaunliche Conférencier-Qualitäten. Im Smoking und mit Schwiegersohn-Lächeln begrüßt er das Publikum, erklärt, was an diesem Abend geboten wird und dass man noch nicht wisse, wie lang es genau dauert. Es werden dann dreieinhalb Stunden, wo zwei genügt hätten. Pause gebe es keine, aber zwischendurch würden mal die Türen aufgemacht, sodass jeder ein bisschen rausgehen kann, während drin einfach weitergespielt werde. Außerdem dürfe man dann erstmals in der Geschichte des Hauses Speisen und Getränke mit in den Zuschauerraum nehmen – aber bitte nicht die Polster vollkleckern, „das kennen Sie ja von Ihrem Sofa zuhause“.

Annette Paulmann ist wie immer ein Ereignis

Auch nachher ist Stemann meistens mit auf der Bühne, malt Inschriften an die Wand („IHR SEID SCHULDEN“) oder sitzt hinten bei den Musikern und spielt Gitarre. Die Botschaft ist klar, sie lautet: Wir zeigen kein „richtiges“, fertiges Theater, sondern einen offenen Prozess, ein „work in progress“, bei dem wir verschiedene Attitüden ausprobieren. Ein hübscher postmoderner Ansatz, und dementsprechend gestaltet sich der Abend dann auch als ein Kessel Buntes: Die Tragödie, bei der alle im Chor sprechen wie bei Sophokles, geht nahtlos über in Kasperltheater, die wunderbare Annette Paulmann ist wie immer schon für sich ein Ereignis, andere Akteure im Clownskostüm laufen ständig mit Selfie-Sticks rum, zwischendurch wird mit Kot (natürlich Theaterattrappen) geschmissen, und dann wieder meint man einem rätselhaften Ritual zuzuschauen.

Aber am besten gelingen sowieso die vielen Gaudi-Szenen. Etwa wenn Jesus (Julia Riedler im Oberammergauer Christus-Outfit mit Kreuz auf den Schultern) seine Kollegen zur „Kammer-Party“ einlädt. Da erscheinen der dicke Buddha, der vielarmige Ganesha, Zeus mit dem Blitz in der Hand, der Weihnachtsmann und, klar doch, das Spaghetti-Monster. Nur „Mo“ fehlt, weil er grad verhindert ist. Dann wieder sieht man quietschige Kreischgirlies mit Miniröcken, die im Barbie-Stil das fremdbestimmte Gefasel von IS-Bräuten hinauspiepsen – die vielleicht beste Szene, weil das bloße Gealber in echte Verfremdung umschlägt und so erzeugt, was an diesem Abend Mangelware ist: erhellende Brüche.

Dennoch: Die Versuche, hier zwischen Burka-Frauen im Rotlicht und Plüschkatzen mit Sprengstoffgürtel so etwas wie den Durchblick zu bewahren, eine Linie oder Zusammenhänge zu erkennen, gibt man bald auf. Mal fasziniert, mal genervt von der barocken Überfülle dieses Kraut-und-Rüben-Theaters, lässt man das Sperrfeuer aus disparaten Einfällen und vielstimmigen Kakophonien daherprasseln. Dass der spezifische Reiz von Jelinek-Texten, die Vivisektion von Ideologie durch Zerlegung der gängigen Sprache, dabei flöten geht, muss man wohl als Kollateralschaden dieses Knallfrosch-Theaters hinnehmen.

Heftiger Jubel.

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