"Niemand würde mich auf einen Berg kriegen"

- Nachdem Wolfgang Petersen "Das Boot" (1981) auf Tauchgang schickte und einen Fischkutter in "Der Sturm" (2000) spektakulär sinken ließ, lässt der Regisseur (65) nun die Wogen über der "Poseidon" zusammenschlagen. Eine gewaltige Welle im Atlantik stellt das Luxuskreuzschiff auf den Kopf. Das Überleben wird ein Wettlauf mit der Zeit, weil das Wasser in dem schlingernden Wrack stetig steigt und den Weg an die Oberfläche versperrt. Der rund 160 Millionen Dollar teure Katastrophen-Thriller kommt morgen in die deutschen Kinos.

Sie gelten in Hollywood als der Meister des feuchten Elements. Was macht Wasser so reizvoll?

Wolfgang Petersen: Ich kam in Emden/ Ostfriesland zur Welt und habe meistens nah am Wasser gewohnt. Ich liebe Boote und habe eigentlich keine Angst vor Wasser, wohl aber eine Menge Respekt. Für einen Filmemacher ist es ein aufregendes, starkes Element, so lange man sich nicht davor fürchtet. Niemand würde mich dagegen auf einen Berg kriegen!

Nach den Sturmwellen in "Der Sturm" bringen Sie jetzt eine "Rogue Wave" auf die Leinwand. Was muss man sich darunter vorstellen?

Petersen: Da baut sich in kürzester Zeit eine Monsterwelle auf, vor der man nicht einmal warnen kann - als würde plötzlich ein Hai aus dem Wasser schießen. Das ist doch ungeheuer aufregend, denn es ist keine Horrorfilmerfindung, sondern wissenschaftlich erwiesen, dass es diese Wellen gibt. Sie entstehen unter anderem durch das Zusammentreffen von Strömungen und werden für mysteriöse Schiffsunglücke verantwortlich gemacht. Unsere Welle in "Poseidon" ist über 40 Meter hoch. Aus einer wunderbaren Schiffsreise wird plötzlich eine Höllenfahrt.

Ist "Poseidon" ein Katastrophenfilm mit Tiefgang?

Petersen: Ich finde das Konzept einfach fantastisch. Hier sind Leute wie du und ich, die Neujahr auf einem Luxusschiff feiern und Spaß haben wollen, und plötzlich - in Sekunden - wird ihre Welt auf den Kopf gestellt. Dann spielt es keine Rolle mehr, wer Geld hat oder arm ist.

In "Troja" spielte Brad Pitt, in "Der Sturm" George Clooney, in "Air Force One" Harrison Ford. Warum haben Sie diesmal keinen großen Star engagiert?

Petersen: Ich habe mir ein gutes Team gesucht, aber bewusst auf einen Superstar verzichtet. Das Schiff und das Wasser sind die eigentlichen Stars, um die es sich dreht. Wäre Brad Pitt in dem Film, so würde er den Ton angeben. Es geht hier nicht um Superhelden, sondern um Menschen mit Schwächen und Stärken.

Was haben Sie denn den Schauspielern unter Wasser abverlangt?

Petersen: Die Dreharbeiten waren recht gefährlich, und wir hatten einen Unfall mit Strom unter Wasser, bei dem aber glücklicherweise niemand verletzt wurde. Die ganze Zeit standen Rettungstaucher bereit. Die Schauspieler haben wirklich härteste Arbeit geleistet.

Haben Sie auf dem offenen Meer gedreht, oder wurde alles im Studio nachgebaut?

Petersen: Wir haben den kompletten Film in fünf Filmhallen und in riesigen Wasserbecken auf dem Gelände von Warner Brothers gedreht. Ich bin ein richtiger Bühnenmensch, das macht mir am meisten Spaß.

Haben Sie nach all den Jahren in Hollywood noch eine deutsche Handschrift beim Filmedrehen?

Petersen: Das wäre schade, wenn die nicht mehr da wäre. Das ist eine bestimmte Art, die Schauspieler etwas anders zu behandeln und mehr Wert auf Charaktere zu legen. Das mag wohl eine europäische Haltung sein.

Haben Sie selbst schon mal eine Katastrophe miterlebt?

Petersen: In Los Angeles habe ich zwei Erdbeben mitgemacht, 1985 und 1994, das war wirklich schlimm, aber keine richtige Katastrophe. In einer Gruppe Überlebender, wie in "Poseidon", würde ich keine tolle Figur machen, weil ich in praktischen Dingen nicht sehr begabt bin. Aber wenn man selbst noch nichts richtig Schlimmes erlebt hat, ist es umso faszinierender, so etwas darzustellen und sich zu fragen, wie man sich wohl selbst verhalten würde.

Poseidon ist ein Remake des Katastrophen-Klassikers "Die Höllenfahrt der Poseidon" von Ronald Neane aus dem Jahr 1972 - mit Gene Hackman und Ernest Borgnine. Könnten Sie sich vorstellen, eine neue Version von "Das Boot" zu drehen?

Petersen: Ich habe darüber nachgedacht, was man mit der heutigen Technologie alles anders machen könnte. Es sind auch schon Leute auf mich zugekommen, die mir zureden wollten. Ich weiß nicht recht, aber ich glaube, dass man von einigen Remakes am besten die Finger lässt.

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