Nijinsky und der schwarze Schwan

- Bei der Uraufführung 1913 einer der größten Theaterskandale aller Zeiten: "Le Sacre du printemps" von Igor Strawinsky und Waslaw Nijinsky. Revoluzzer, Komponist wie Choreograph: ein atavistisches Frühlingsritual - mit einem Menschenopfer! Zu zerfetzten Metren, primitiven Klangformeln, rhythmischen Exzessen, ja Geräuschen auch noch empörend anti-akademisches Laufen, Springen, Ekstase-Stampfen. Illustre Geschichte. Sich daran messen ist Wagnis, in das sich Leipzigs Ballettchef Uwe Scholz gestürzt hat.

<P>Scholz ist geliebt, das war deutlich im Opernhaus zu spüren. Was dieser Mann, 1991 einer der ersten "Ost-Pioniere", Leipzig seitdem gegeben hat, sicher oft über seine Kräfte hinaus, kann gar nicht hoch genug gewertet werden. Man hatte ihm schon deswegen so sehr gewünscht, dass er mit diesem viel versprechenden "Sacre"-Diptychon - die Koppelung von Klavier- und Orchesterfassung war noch nie auf der Bühne - zur künstlerischen Hochform finden würde, mit der er 1984 die Stuttgarter Talenteschmiede verließ. Doch unter der schweren Bürde von insgesamt (Zürich inklusive) 19 Jahren Ballettdirektion scheint sein Talent am Punkt der Erschöpfung.</P><P>Was in Teil I mit dem kraftvoll sportlichen Bewegungsausdruck von Giovanni di Palma so interessant beginnt _ exzellente Pianisten: Wolfgang Manz und Rolf Plagge -, entpuppt sich bald als gängige Kombination von Solo-Tänzer und einer rundum projizierten (Alb-)Traumwelt. Während di Palma sich immer wieder in die gleichen biegsamen Sport-Arabesquen wirft, durchlebt er oben auf den Leinwänden Nijinsky'schen Verfolgungswahn zwischen Schwarzem-Schwan-Vampir und homoerotischen Verlockungen, zwischen Erfolgsglitzer und kotzendem Elend. Wenn di Palma am Ende in die WC-Schüssel greift und um sich wirft, sind nicht nur er und die Filmbilder schwarzbraun bekleckert, sondern auch Scholzens sonst schon amüsierliche surreal-skurrile Seite.</P><P>Während die Transkription für Klavier fast als eigenständiger Klangraum dient, nur manchmal dramatisch unterstützt, geht Scholz in der Orchesterfassung ganz traditionell vor. In den hackenden Rhythmussequenzen schickt er die Mädchen und Männer in Bögen und großen Blöcken über die Bühne, konfrontiert sie miteinander, im Vokabular Elemente von Teil I übernehmend. Solche geometrischen Großraum-Arrangements beherrscht Scholz, bleibt aber diesmal unter seinem Niveau. Die Story dann schnell.</P><P>Und zugleich schleppend: Aus dem Pulk der Mädchen bietet sich eine nach der anderen als Opfer an. Unwillig, ängstlich oder wolllüstig, es bleibt, auch seitens des Stammes-Weisen, eine banal-pantomimische Angelegenheit. Kiyoko Kimura, die Auserwählte, wird ein bisschen akrobatisch gefoltert, agiert sonst ebenfalls vorwiegend pantomimisch. Das alles reicht nicht heran an die "Sacres" von Martha Graham, Pina Bausch oder Béjart. Das alles ergreift nicht, mag auch das Gewandhausorchester unter Henrik Schaefer sich bemühen. Mögen die Tänzer brav auf Takt und Rhythmus hören. Den Geist dieser Musik hat ihnen ihr Choreograph nicht vermittelt. </P><P>Weiter Vorstellungen: 27. 2., 1., 5., 7., 9. März, Tel. 0341-12 61 261.<BR><BR></P>

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