"Kunst darf nicht käuflich sein"

München - Nikolaus Bachler und Michael Rahe sprechen im Interview mit dem Münchner Merkur über "Oper für alle", Kultursponsoring und vollfinanzierte Elfenbeintürme.

Zweimal die Massen gratis mit Musik versorgen, das kostet. „Oper für alle“ bietet am kommenden Samstag ab 20 Uhr ein Konzert auf dem Marstallplatz, tags darauf wird ab 17 Uhr Richard Wagners „Götterdämmerung“ auf den Max-Joseph-Platz übertragen. Moderatorin ist Nina Ruge. Die Bayerische Staatsoper muss für die Spektakel, bei denen unsere Zeitung Medienpartner ist, nicht den Etat belasten: Die Oper arbeitet seit Jahren mit der Münchner BMW-Niederlassung zusammen. Ein Gespräch mit Intendant Nikolaus Bachler und Michael Rahe, Chef der BMW-Dependance, über Kultursponsoring.

Was haben Ihre beiden Institutionen überhaupt miteinander zu tun?

Rahe: Als Erstes haben wir natürlich den Standort gemeinsam. BMW unterstützt schon seit über 40 Jahren kulturelle Projekte. Das hat dazu geführt, dass beide Institutionen zusammenarbeiten wollten. Wir passen gut zueinander. Beides sind Premiummarken.

Bachler: Es gibt eine Innovations- und Vorreitermentalität, die verbindet. In Europa generell und in Deutschland speziell gab es private Partnerschaften zuvor nicht. Unsere Vorgänger an der Staatsopern- und an der BMW-Spitze haben Pionierarbeit geleistet. Die Staatsoper ist das führende Haus in Europa, was private Partnerschaften betrifft. Die beruhen nicht auf Leistung und Gegenleistung, sondern auf Kommunikation. Ich kenne viele Public Viewings. Und jedes Mal, wenn ich mir unseres anschaue, spüre ich, dass dies hier entstanden ist. Es hat eine eigene Kraft – ob es regnet oder nicht oder Herr Gottschalk moderiert oder ein anderer.

Inwieweit profitiert Ihre Firma von der Bayerischen Staatsoper?

Rahe: Wir engagieren uns hier nicht mit dem Ziel, dass wir dadurch mehr Autos verkaufen wollen. Wir wollen in unserer Heimatstadt einfach unser Gesicht zeigen und sagen: Wir sind nicht nur die lokale Repräsentanz des Unternehmens BMW, sondern leisten etwas für die Freunde des Hauses, ja für die Gesellschaft. Vor 15 Jahren kannte kein Mensch Public Viewing, diese Zusammenarbeit hat einer meiner Vorgänger, Herbert Bauderer, gemeinsam mit Sir Peter Jonas erfunden. Beide wollten etwas Außergewöhnliches wagen.

Und warum ausgerechnet „Oper für alle“?

Bachler: Dahinter steckt ein Öffnungsgedanke. Ich habe inhaltliche Probleme mit Fernsehübertragungen von Opern und DVDs. Aber unsere Live-Situation, durch die mehr Leute an einer Aufführung teilnehmen können in einer besonderen Atmosphäre, finde ich sehr schön und sehr direkt. Heuer trauen wir uns ja sogar an die „Götterdämmerung“. Die Menschen werden sich sechs Stunden hinsetzen und in dieses Werk eintauchen. Das wird auch geschehen, weil wir eine 15-jährige Vorarbeit geleistet haben.

Rahe: Wir erreichen damit Menschen, die nicht die klassischen Operngänger sind und solche Werke als schwierig ansehen, sondern ein Publikum, das einfach zwanglos Oper genießen will.

Kann man so wirklich neue Opernbesucher gewinnen?

Bachler: Ich glaube grundsätzlich, dass man bei allen solchen Maßnahmen nicht zielgerichtet sagen kann: Jetzt kommen automatisch mehr Leute. Jede öffnende Idee und jede Form von Erweiterung kann allerdings langfristig neue Besucher generieren.

Rahe: „Oper für alle“ ist einfach eine Einstiegsmöglichkeit. Ich bin auf diese Art und Weise auch vor vielen Jahren zur Oper gekommen.

Zieren sich manche Kulturinstitutionen zu stark, wenn es um privates Sponsoring geht?

Rahe: Ich würde eher den Begriff Partnerschaft verwenden. Ein Sponsor hat zu viel Einfluss. Wir unterstützen die Oper, erlauben uns aber keine inhaltliche Mitsprache. Wir müssen einfach schauen, was zu uns passt. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob wir ein Hard-Rock-Festival unterstützen sollten – nichts gegen diese Musik...

Und welcher private Partner würde nicht zur Staatsoper passen?

Bachler: Politisch-inhaltlich gesehen würde ich nicht gerne eine Firma als Partner haben, die Panzer herstellt und die dazu beiträgt, dass Leute erschossen werden. Es geht also immer auch um eine ethische Komponente. Es muss ein gemeinsames humanes Grundziel geben, das man verfolgt.

Klaus Zehelein, der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, hat davor gewarnt, Löcher der öffentlichen Haushalte mit Sponsoring zu stopfen. Ist so etwas auch gefährlich?

Bachler: Der Bühnenvereinspräsident lebt noch in einer Zeit der vollfinanzierten Elfenbeintürme. Wir sind heute flexibler, offener und kämpferischer geworden, das müssen wir auch sein. Außerdem können wir nicht unterschiedliche Kulturen gegeneinander ausspielen. Es gibt in Amerika ein anderes Finanzierungssystem, auch was soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser betrifft. Wir haben Gott sei Dank ein anderes System, das auch für die Kunst besser ist. Wir müssen alles dazu tun, das zu erhalten und Politikern klarmachen, dass so eine Staatsoper die beste Investition ist für die Wichtigkeit eines Standortes. Aber: Wir müssen auch lernen, mit anderen Möglichkeiten wie solchen Partnerschaften umzugehen. Deshalb finde ich derartige Bedrohungsszenarien immer ein bisschen fad. Außerdem: Wir verwenden private Gelder für zusätzliche Projekte. Die betreffen nicht unseren Grundauftrag.

Rahe: Ich würde es für falsch halten, wenn sich die Politik aus der Kultur zurückzieht mit dem Argument: Das soll sich privat finanzieren. Dann wird Kunst käuflich – und die Politik erfüllt ihren Auftrag nicht. Es gibt beispielsweise, so glaube ich, einige Sportarten, deren Mannschaften mit Sponsoren namentlich verbunden sind. Das halte ich für unglücklich.

Das Gespräch führte Markus Thiel

Rubriklistenbild: © Schlaf

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