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Totes Material bekommt Charakter: Szene mit (v.li.) Oliver Nägele, Nikolaus Habjan und Arthur Klemt.

Premiere von „Der Streit“ im Münchner Cuvilliéstheater

Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben

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Er ist der „Master of Puppets“ des deutschsprachigen Theaters. Jetzt hat Nikolaus Habjan fürs Münchner Residenztheater „Der Streit“ von Marivaux inszeniert. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik.

München – Kurz vor Schluss fallen die vier Probanden übereinander her. Eglé, Azor, Adine und Mesrin lösen sich auf im lustvollen Gewühl zwischen Gliedern und Kleidern, Schnüren und Stöhnen. Jede(r) mit jedem, jeder nach seiner Fasson. Bis es Hermiane, der adeligen Spaßbremse, zu viel wird: „Ich will das nicht mehr sehen!“ Mit seinem Puppen-Gruppensex führt Regisseur Nikolaus Habjan den banalen Versuchsaufbau, von dem Pierre Carlet de Marivaux in seiner Komödie „Der Streit“ (1744) berichtet, vogelwild und endgültig ins Absurde. Wer die Untreue in die Welt gebracht hat? Eh wurscht, so lange alle ihre Freuden daran haben.

Habjan hat bei den Opernfestspielen „Oberon“ inszeniert

Der Österreicher Habjan, Jahrgang 1987, wird im deutschsprachigen Theater seit einiger Zeit als „Master of Puppets“ gefeiert. Vergangenen Sommer erarbeitete er Carl Maria von Webers „Oberon, König der Elfen“ für die Münchner Opernfestspiele; mit „Der Herr Karl“ und „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ gastierte er bereits am Residenztheater. Nun hat er erstmals fürs Haus inszeniert, seine Marivaux-Interpretation hatte am Samstag im Cuvilliéstheater Premiere.

Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan.

Jakob Brossmann und Denise Heschl haben ihm ein Anatomisches Theater auf die Bühne gebaut. Ganz in Weiß, so steril herzlos wie das Menschen-Experiment, das der Prinz und seine Geliebte beobachten. Marivaux (1688-1763) lässt seine vier Versuchspersonen den paradiesischen Sündenfall durchleben. Aufgewachsen sind sie streng isoliert, ihr einziger Kontakt zu anderen Menschen waren Mesrou und Carise. Mit Ausnahme dieser beiden Erzieher werden alle Figuren von lebensgroßen Puppen ohne Unterleib dargestellt. Der Prinz und seine Hermiane sind derbe Klappmaulgestalten, denen sich die adelige Dekadenz tief in die Gestalt eingegraben hat. Die vier Unschulds(b)engel, die das weite Feld der Liebe erkunden, sind eine Mischung aus überdimensionierter Gliederpuppe, wie Maler sie nutzen, und Crashtest-Dummy – was durchaus passend ist, denn Marivaux beschreibt nichts anderes als den Auffahrunfall mit dem anderen Geschlecht.

In der Regel werden die Puppen von je zwei Schauspielern (in weißen, historisch stilisierten Kostümen und mit weiß geschminkten Gesichtern) geführt, die ihnen wenn nötig auch ihre Beine leihen. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Puppen, deren Augen verlockend funkeln, zum Leben erwachen, wie sich ihr jeweiliger Charakter herausbildet. Sie flirten und fluchen, zweifeln und zaudern, gockeln und gieren, zicken und zetern – so sehr, dass man bereitwillig vergisst, dass sie nur Material sind. Das liegt an den Darstellern, die sie bewegen, die ihnen eine, ihre Stimme geben, die hinter den leblosen Körpern verschwinden und dennoch alles erst ermöglichen. Vor allem Oliver Nägele beeindruckt bei der Premiere, der Eglé virtuos und facettenreich führt.

Kyrre Kvam macht Musik nach Sonetten der Lyrikerin Louïze Labé

Die sensible Lichtgestaltung und Kyrre Kvams irisierende Musik nach Sonetten der französischen Lyrikerin Louïze Labé unterstützen den poetisch-schwebenden Charakter dieser pausenlosen 90 Minuten, der jedoch immer wieder ins derb Komische ausschlägt. Etwa in den Sexszenen (Habjan gönnt selbst Azor und Mesrin etwas Lust – die Burschen finden sich „nett“, das reicht) oder auch, wenn Puppe und Puppenspieler miteinander disputieren. Mit seinem Ansatz verzaubert der Regisseur, der sich bei den folgenden Vorstellungen auf der Bühne mit Manuela Linshalm abwechseln wird, die doch recht erwartbar dahinschnurrende Komödie. Außerdem führt er mit seiner Inszenierung den „Streit“ zurück in seine Entstehungszeit.

Denn was wie eine Rokoko-Spielerei daherkommt, ist ein eiskaltes Experiment – und damit durchaus typisch für die Mitte des 18. Jahrhunderts, als Individuen gerne wie eine Art Maschine gedacht wurden. Deren Bauplan musste man nur eingehend studieren, um ihr Funktionieren zu begreifen. Konsequent daher das Schlussbild, in dem alle Leichtigkeit verschwunden ist: Auf dem Seziertisch zerlegen die Diener, die den Abend über die Fäden in Händen hielten, die Puppen in ihre Einzelteile. Ende eines Laborversuchs. Langer Applaus, Jubel.

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