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Kurz vor seinem 86. Geburtstag zog sich Nikolaus Harnoncourt im Dezember von der Bühne zurück.

CD-KRITIK

Harnoncourts vielleicht letzte CD

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Noch einmal zeigt er's allen Kollegen: Nikolaus Harnoncourts Einspielung von Beethovens vierter und fünfter Symphonie

„Wenn Sie nach dem Konzert nach Hause gehen, dann sind Sie nicht der, der Sie vorher waren.“ Sprach’s, drehte sich um zu seinem Concentus Musicus und dirigierte Beethovens vierte und fünfte Symphonie so, dass allen das Hören verging – jenes innere Hören, mit dem sich unzählige Standardinterpretationen in die Nervenzellen eingebrannt haben. Jedem Kollegen hätte man das als Eitelkeit ausgelegt, bei Nikolaus Harnoncourt ist es anderes: die pure Wahrheit.

Im Mai 2015 ist das passiert, im Wiener Musikvereinssaal. Gedacht war das Konzert als eine Art Auftakt. Im kommenden Sommer wollte Harnoncourt bei der Styriarte, seinem Grazer Festival, alle Neune von Beethoven aufführen. Nach dem Rückzug in den Ruhestand übernehmen nun Einspringer. Geblieben ist vom Projekt eine CD mit Vierter und Fünfter, die gerade erschienen ist – das wohl letzte Album des wichtigsten Dirigenten unserer Zeit.

Das, was Beethoven als Revolution in die Musikwelt brachte, klingt bei Harnoncourt (Wer hätte anderes erwartet?) bestürzend authentisch. Nicht als Überwältigungsaktion, als Imponiergehabe, beide Werke begegnen einem als schrundiges, kantiges, auch herrlich ungehobeltes Klangrelief. Berge und Täler liegen viel weiter auseinander als sonst. Keine Sekunde werden die Symphonien an den Mischklang verraten: So hinreißend präpotente Naturhörner, eine so vorlaute, nie schrille Piccoloflöte (wie in der Fünften), ein so nadelstichartiges Blech gibt es nur hier. Harnoncourts Humor trifft sich gerade in der Vierten mit dem Beethovens. Keine exquisite, hintergründige Pointen à la Haydn hört man, sondern einen wie ungeschützten, direkten, auch etwas rumpeligen Witz.

Was noch hinzukommt: Harnoncourt, bei dem manchmal der große Bogen unterm Tüfteln leidet, findet hier zu einer musterhaften Balance aus Detailwut und Dramatik. In der Fünften wird das Pulver nicht im „Ta, ta, ta, taa“ des Beginns verschleudert. Eigentümlich fahle bis wunderliche Gesten glücken im zweiten Satz, und das Finale ist wirklich als Dur-Durchbruch erlebbar. Tempowahl und Rhythmisierung lassen den Concentus als leichte Kavallerie in die Partiturenschlacht ziehen. Und für die letzten Akkorde, wenn Beethoven das Aufhören so bizarr schwerfällt, hat Harnoncourt eine seiner besten Pointen parat.

26 Jahre ist es her, dass er sich erstmals mit den Symphonien auseinandersetzte. Die Einspielung, damals mit dem Chamber Orchestra of Europe, stieß die Tür auf zu einem völlig neuen Beethoven-Verständnis. Jetzt, mit den historischen Instrumenten des Concentus Musicus Wien, geht der Senior sogar noch zwei, drei Schritte weiter. Mit seiner finalen CD, was für ein Vermächtnis, verweist er alle anderen Einspielungen auf die Plätze. Wobei Finale: als ob die Plattenfirma nicht schon längst mit Beethovens Missa Solemnis vom vergangenen Sommer, Nikolaus Harnoncourts letztem Konzertauftritt, liebäugeln würde.

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