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Nils, der Tiere gern piesackte, ist zum Wichtel geschrumpft; hier eine Szene mit dem Bauernbub und dem Federvieh (v. li. Ferdinand Schmidt-Modrow, Genoveva Mayer, Thomas Stegherr und Jörg-Tim Wilhelm).

„Nils Holgersson“-Premiere: Die Theater-Kritik

München - In der Münchner Komödie im Bayerischen Hof hatte das Kinderstück „Nils Holgersson“ Premiere. Lesen Sie hier die Theaterkritik:

Wenn Lausbub Nils auf der weißen Gans Martin nach Lappland fliegt, dann fliegt die Fantasie der kleinen (aber auch der älteren) Zuschauer mit. Großer Andrang jetzt in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof bei „Nils Holgersson“, dem nach heilsamer Lektion bekehrten kleinen Tierquäler. Inga Hellqvists Bühnenfassung des berühmten Erziehungsromans der schwedischen Literatur-Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf (1858-1940) hat Peter M. Preissler ohne pädagogischen Drücker mit viel Humor inszeniert. Und seine Schauspiel-Crew bringt Ausstatter Thomas Peknys verwegen lustige Tierkostüme von Schnabel bis Flügel und Watschelflosse prächtig zur Geltung.

Am Piesacken von Tieren hat Bauernbub Nils einfach Spaß. Aber als er einen Zwerg in einer Schlinge fängt, ihm Goldtaler abknöpft, ihn trotzdem nicht, wie versprochen, freilässt, hat er die Rechnung ohne den Wichtel gemacht. Abrakadabra – und Nils ist zum Däumling geschrumpft. Aber wie? Ganz einfach: Wenn der quirlige Ferdinand Schmidt-Modrow, jetzt mit roter Wichtelmütze, in viel zu großen Hosen steckt, glaubt ’s jeder. Und was jetzt? Kein Mitleid nirgends. Doch!

Martin – mit feschem Gänserich-Charme gespielt von Allrounder Jörg-Tim Wilhelm (von ihm sind auch Liedtexte, Musik und musikalische Einstudierung) – wollte immer schon mal reisen. Von seiner Fußfessel durch Wichtel-Nils befreit – dessen erste gute Tat! – , nimmt er ihn huckepack, und ab geht’s, bis zum ersten erdschweren Plumps. So einer Hausgans fehlt halt eine gewisse Boeing-Gleitsicherheit. Märchen können das natürlich richten: Schon flattern mit mächtig schwingenden gefiederten Armen Wildgans-Königin Aka und Adjutant heran, in deren luftigem Kiel-Sog die beiden neuen Freunde zunächst mal Ziel auf Gotland nehmen. Aber kein Flieg- & Spar-Tripp ohne Pleiten, Pannen und Intrigen. Fast hätte die böse eifersüchtige Goldauge nicht nur ihre viel hübschere Schwester Daunenfein und Gänserich Martin auseinandergebracht, sondern letzteren sogar vergiftet. Wichtel-Nils jedoch, in fortschreitender Läuterung, gibt Freund Martin den rettenden Ausspuck-Klapps auf den Rücken, jagt Räubern eine Adlereier-Beute ab, bringt den verschuldeten Eltern einen Beutel Gold nach Hause. Und wird nach so vielen guten Taten von der beschämenden Däumlingsform erlöst.

Ein bisschen mehr „tierische“ Choreographie – so wie das Hahn-Huhn-Duett mit Flöten-Liebesgeflüster – wäre schön gewesen, in manchen Momenten auch ein bisschen mehr darstellerischer Feinschliff. Dass die glückliche Lösung der Geschichte etwas matt rüberkam (wird sich wohl nach der Premiere noch einspielen), haben die kleinen Zuschauer genau registriert: Da wurde es unruhig. Immerhin stemmen Genoveva Mayer, Thomas Stegherr und Ulla Wagener zwölf Rollen, von Nils’ Eltern bis zu Katze, Dieb und Adler. Insgesamt hat die Aufführung Spaß gemacht.

Malve Gradinger

Nächste Vorstellungen:

am 9. und 16. Dezember um 16 Uhr; Sonderpreise für Kindergärten und Schulen; Telefonnummer 089/ 29 16 16 33.

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