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„Nirvanas Last“ mit (v. li.) Damian Rebgetz, Benjamin Radjaipour, Zeynep Bozbay und Christian Löber.

25 Jahre nach dem Tod von Kurt Cobain 

Die Kammerspiele feiern Nirvana

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Vor 25 Jahren starb Kurt Cobain. Seine Band Nirvana spielte wenige Wochen vor Cobains Suizid ihr letztes Konzert in München. „Nirvanas Last“ an den Münchner Kammerspielen erinnert daran. Unsere Premierenkritik: 

Die Zugaben sind dann fettes Kino für die Ohren, mit Trommel und Tremolo, Pop und Pathos: grandios, gefällig. Nirvana zum Niederknien. Virtuos führt das Ensemble der Münchner Kammerspiele bei diesen Songs vor, wie einfach es ist, Musik zu vereinnahmen und konsumierbar zu machen. Selbst wenn die Künstler einst angetreten sind, um dem Mainstream, der ja alles zur Ware macht, wütend den Mittelfinger zu zeigen. Nirvana hatten keine Chance – Kurt Cobain und seine Kollegen wussten es. „Grunge is dead“, rief Bassist   Krist  Novoselić  am 1. März 1994 dem Münchner Publikum auf dem ehemaligen Flughafen in Riem zu. Es sollte der letzte Auftritt des 1987 gegründeten US-Trios sein: Vier Wochen später nahm sich Cobain das Leben; er war 27 Jahre alt. Die Band hatte ihren Frontmann verloren – und der Grunge sein Aushängeschild.

Grunge war 1994 längst nicht mehr Underground 

Doch zum Zeitpunkt des Münchner Konzerts war aus der Jugendbewegung, die einst Untergrund war, mit Schlabberlook provozierte und dem Establishment mit ungefilterter Musik ihren Hass und ihre Verzweiflung hinrotzte, längst ein kommerzieller König geworden: Plattenfirmen, TV-Sender, Modelabels – alle verdienten am Grunge. Allein Nirvanas Über-Album „Nevermind“ (1992) hat sich bis heute mehr als 30 Millionen Mal verkauft. Und natürlich sendete Viva einen Mitschnitt ihres Riemer Gastspiels.

Am 1. März 1994 spielte die Band in Riem

Gegenkultur geht anders. Diesen Widerspruch arbeitet nun Damian Rebgetz an den Kammerspielen eindrucksvoll heraus; seine Inszenierung „Nirvanas Last“ wurde am Donnerstag uraufgeführt. Der Australier folgt zwar den Songs des Konzerts vom 1. März 1994 – bürstet mit seinem Team die Lieder aber konsequent und klug gegen den Strich. Zunächst aber bittet Rebgetz zur Märchenstunde. „Es war einmal“, hebt er an, um „eine bayerische Geschichte“ zu erzählen. Launig skizziert er die wichtigsten Stationen von Nirvana ebenso wie die Entwicklung der Jugendkultur im Freistaat; so spielten Cobain und Co. 1989 etwa im Circus Gammelsdorf im Landkreis Freising – es war ein Reinfall. Derweil sitzt der Schauspieler und Regisseur mit einem dicken Buch auf den Stufen der Treppe, die Janina Sieber in die Bühnenmitte gebaut hat: ein „Stairway to Heaven“, der himmelwärts strebt und an dessen Ende die Protagonisten im Nichts verschwinden. Bereits diese Umkehrung des Prinzips einer Showtreppe macht in ihrer Ironie klar, dass diese zwei Stunden (ohne Pause) weder Heldenverehrung noch Mitklatsch-Medley sind. „Nirvanas Last“ ergeht sich nicht in Erinnerungen und ist auch keine Jukebox, die nach Münzeinwurf Hits ausspuckt. Das wäre schließlich fad.

„Smells like Teen Spirit“ spielten Nirvana in München nicht

Damian Rebgetz, Zeynep Bozbay, Christian Löber und Benjamin Radjaipour interessiert anderes: Sie suchen die Konfliktlinie  zwischen dem Dagegen der Songs – und ihrer Vereinnahmung. An diesem Zwist zerbrach letztlich Nirvana. Da half es auch nichts, dass sie ihren Hit „Smells like Teen Spirit“ in Riem gar nicht spielten. Um diesen Widerspruch hörbar zu machen, hat Ann Cotten die Liedtexte ins Deutsche übersetzt, was erstaunlich gut funktioniert. Paul Hankinson hat die Stücke neu arrangiert und dafür auf Instrumente gesetzt, die so gar nicht Rock ’n’ Roll sind: Querflöte, Streicher, Horn, Klavier. Diese Brechung, dieses Verfremden unterläuft geschickt alle Erwartungen des Publikums. Fabelhaft musiziert erklingen die Nirvana-Titel nun im Kunstliedgewand und erhalten so ihre Widerborstigkeit, ihre Sperrigkeit, auch ihre Verletzlichkeit zurück.

Bevor die Inszenierung in die Setlist des letzten Konzerts einsteigt, interpretiert Radjaipour zwei Titel von The Cars; das US-Trio schlug einst die Brücke von Punk zu Pop. Jene Brücke, von der Nirvana stürzen sollten. Dann folgt das Ensemble der Dramaturgie des Auftritts in Riem, inklusive des Stromausfalls während „Komm wie du bist“ („Come as you are“) und der spärlichen Kommunikation zwischen Musikern und Publikum. „Danke München. Ich sag: Danke München“ – der Bühnenton stellt die Phrase in all ihrer Erbärmlichkeit aus.

Nirvana spielten damals übrigens auch „Rape me“ vom Album „In Utero“ (1993), jenen Song, der den Opfern sexualisierter Gewalt gewidmet ist und unter dem Eindruck der Jugoslawienkriege entstand (die Familie von Bassist Novoselić stammt aus Kroatien). Um die Platte im Supermarkt verkaufen zu können, musste die Band den Titel in „Waif me“ ändern und durfte ihn bei der Verleihung der MTV Awards nicht ins Programm nehmen. Das Trio unterwarf sich den Regeln des Marktes. In den Kammerspielen interpretiert das Ensemble sehr behutsam „Vergewaltige mich“ – und entlarvt so die feige Geldgeilheit des Popgeschäfts.

Ein großer Abend. Jubel, Standing Ovations.

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