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Angela Denoke hat morgen Premiere als Diva Emilia Marty in Leo(s) Janá(c)eks Oper „Die Sache Makropulos“.

Nur Niveacrème

Salzburg - Vor der Premiere bei den Salzburger Festspielen spricht Angela Denoke über Janá(c)eks „Die Sache Makropulos“, die Zusammenarbeit mit Regisseur Marthaler und das Altern.

Leo(s) Janá(c)eks „Katia Kabanova“, 1998 von Christoph Marthaler für Salzburg inszeniert, gehört zu den Musiktheater-Legenden der jüngeren Festspielgeschichte. 13 Jahre später ist es nun gelungen, die Beteiligten noch einmal dort zusammenzubringen. Angela Denoke (Jahrgang 1961), damals die umjubelte Katia, singt nun die Hauptrolle in Janá(c)eks „Die Sache Makropulos“. Das Stück spielt im Prag des beginnenden 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt: eine 337 Jahre alte Diva, die dank eines lebensverlängernden Elixiers zur verhärmten, verzweifelten Frau geworden ist. Premiere ist morgen im Großen Festspielhaus, Esa-Pekka Salonen dirigiert.

Das Dream-Team ist wieder in Salzburg aktiv. Stehen Sie deshalb unter besonderem Erfolgsdruck?

Zuallererst habe ich mich unheimlich darauf gefreut, weil die Probenarbeit mit Christoph Marthaler so entspannt und kreativ ist. Ich lerne immer sehr viel von ihm für mich selber und für meine Darstellungsmöglichkeiten. Da gehe ich jedes Mal mit einer neuen Erkenntnis heraus. Er rührt an Dinge und hinterfragt sie, die andere Kollegen einfach hinnehmen. Ein über die Festspielsituation hinausgehender Druck stellt sich aber eigentlich nicht ein.

Wundern Sie sich also über sich selbst in der Arbeit mit Marthaler?

Es wundert mich, dass Dinge gelingen, von denen ich glaubte, sie müssten mir schwerfallen. Zum Beispiel eine sehr starke Körperkonzentration – und das bei mir, einem so bewegungsfreudigen Menschen. Gerade bei der Emilia ist es erforderlich, eine große innere Ruhe zu finden. Mit Marthaler gibt es dank unserer gemeinsamen Projekte mittlerweile ein fast blindes Einverständnis. Vor einiger Zeit sind er und ich allerdings zu einer merkwürdigen Erkenntnis gekommen. Wir fanden, dass wir beide anfangs unbedarfter, vielleicht sogar naiver an die Stücke herangegangen sind – was ein großer Vorteil war. Dieser Situation, die Dinge einfacher und direkter zu sehen, wollen wir uns nun wieder annähern.

Janá(c)ek meinte über Emilia, sie tue ihm leid. Ihnen auch?

Ja. Das ist für mich das Entscheidende in dieser Oper. Sie steckt in einer beklagenswerten Situation fest. Sie ist dazu verdammt, Anfang 40 zu sein, diese Spanne ihrer Existenz immer neu durchleben zu müssen und gleichzeitig zu wissen, worauf alles hinausläuft. Sie kennt die Männer, weiß, wie sie reagieren, hat auch unzählige Nachkommen – und darf ihr Leben nicht zu Ende bringen.

Ist sie eine sympathische Figur?

Mir ist sie sympathisch, weil ich ihre Beweggründe kenne. Aber für den Außenstehenden ist es eine sehr unsympathische, kalte, berechnende Figur. Und genau das finde ich spannend: dass wir das, was hinter ihr steckt, dem Publikum zeigen können.

Die Oper spielt in Prag, ist auch zeitlich exakt definiert. Ist sie also kein zeitloses Stück?

Ich glaube, man kann es in jede Zeit setzen. Die Ausgangssituation ist ja nicht genau durchdacht. Wenn es heißt, diese Sängerin lebt seit 337 Jahren, dann müsste sie zur Zeit der Kastraten schon berühmt gewesen sein. Um die Zeit geht es in dem Stück weniger, sondern um die Grundfragen nach Leben und Tod.

Das Werk spielt mit den Sehnsüchten nach und der Angst vor dem endlosen Leben. Wie beschäftigt man sich selbst mit dieser Problematik?

Mich begleitet diese Problematik schon lange, weil meine Mutter sehr früh gestorben ist. Sie war damals 37, also in der Mitte ihres Lebens, ich 15. Gerade deshalb, und vielleicht mehr noch als manch anderer, denke ich viel darüber nach, wie man sich das Leben lebenswert gestaltet. Und ich finde: Das Leben muss so gelebt werden, wie es eben kommt. So, dass man unterm Strich damit zufrieden ist. Sicher gibt es Tiefs. Aber ich glaube, ich habe bisher in jeder Beziehung ein gutes Leben gehabt. Das gibt einem eine gewisse Ruhe.

So, wie es hier dargestellt wird, ist die ewige Jugend also ein Fluch.

Genau. Man kommt dabei auf solche Fragen: Ist es überhaupt erstrebenswert, immer jung erscheinen zu wollen? Ich finde so etwas ganz verkehrt. Gut, ich habe das Glück, dass ich mich relativ jung fühle und mit meinem Aussehen recht zufrieden bin. (Lacht.) Wenn ich so altern kann wie meine Großmutter, fände ich das toll. Und die hat ihr ganzes Leben lang nur Niveacrème benutzt! Natürlich ist sie gealtert. Aber sie war eine schöne Frau, als sie gestorben ist.

Wie geht man mit dem Problem des Aussehens, des Wirkens auf andere als Bühnenkünstler um? Fühlen Sie sich in Kostüm und Maske wohler als im Konzert?

Früher ja. Im Konzert störte mich, dass ich zu sehr ich selbst war. Inzwischen kann ich damit besser umgehen. Im Konzert tauche ich nun quasi in eine Rolle ein, die ich dann vermittle. Ich glaube einfach, dass die Opernbühne eher meinem Naturell entspricht.

Wobei Sänger sich heute in ihrer Bühnenexistenz kaum mehr von der Realität unterscheiden. Es gibt doch keine extremen Maskierungen mehr und keinen großen Unterschied zwischen Ihrem echten und Ihrem Bühnengesicht...

Jein. Man ist in der Oper weiter weg. Und auch wenn es nur ein bisschen Make-up ist, dann sieht man für sich selbst gleich anders aus. Im normalen Leben schminke ich mich relativ wenig. Da bietet die Opernexistenz schon einen gewissen Schutz – auch weil man dort oben selten allein ist.

Ihre Kollegin Edita Gruberova meint, wenn sie nicht singen würde, bräuchte sie einen Psychiater.

Das geht mir nicht so. Man lebt sich zwar in den Rollen aus. Ich kann aber auch gut ohne Singen zurechtkommen. Ich lege Wert darauf, dass es Wochen ohne Oper gibt. Das tut meiner Stimme, aber auch mir persönlich gut. Ich möchte auch leben. Das Singen ist zugegebenermaßen ein Traumberuf. Ein Geschenk. Aber es gibt Familie, Freunde – und all dies ist eigentlich wichtiger.

Aus Salzburg berichtet Markus Thiel

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