Noch ist fast alles in der Schwebe

Kassel - Die documenta in Kassel beginnt am 9. Juni. Ab Samstag strömen die Massen. Was erwartet die Besucher auf der wichtigsten Kunstausstellung der Welt? Hier ein erstes Hineinschnuppern.

Bald hat das Rätselraten ein Ende. Was ist zu sehen? Und vor allem: Was will uns das alles sagen? Einige Tage vor Eröffnung der documenta zeichnet sich aller Geheimhaltung zum Trotz nun recht klar ab, was die schätzungsweise 750 000 Besucher im 13. Jahr der „Weltkunstschau“ erwartet. In Stilrichtungen gesprochen sieht es so aus, als wären Konzeptkunst und Arte Povera stark vertreten - Kunst, bei der es mehr um die Idee als um das Endergebnis geht, und Kunst aus Alltagsmaterial. Was die Themen betrifft, scheinen Krieg und Zerstörung, Ernährung und Ökologie, Kapitalismuskritik und Feminismus großen Raum einzunehmen. Das bevorzugte Verfahren scheint Sammeln und Dokumentieren zu sein, vielleicht auch die politische Aktion - ein Bild an der Wand wird wohl eine Seltenheit bleiben.

Es könnte eine documenta des Dazwischen werden: Kaum einer der Künstler, die auf der unter der Hand kursierenden Teilnehmerliste stehen, lässt sich leicht beschreiben. Installationskünstler, Autor und Filmemacher, der auch politisch aktiv ist, mit arabischen Wurzeln, US-Pass und Wohnsitz in Berlin - so in der Art würden sich die meisten Kurzfassungen lesen. Das passt zum Kunstbegriff der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev, für den „weit gefasst“ ein zu enger Begriff wäre.

Es könnte auch eine documenta des Darüber-hinaus werden: Nicht nur Künstler hat Christov-Bakargiev eingeladen, sondern auch Schriftsteller, Politiker und Wissenschaftler. Nicht nur Lebende sollen dabei sein, sondern auch Tote. Nicht nur in Kassel soll die documenta (13) stattfinden, sondern auch an vielen anderen Orten, zum Beispiel in Kabul. Schon wird gewitzelt, Christov-Bakargiev wolle die Kunst auch am Hindukusch verteidigen.

Die Frau ist eine Meisterin darin, Dinge in der Schwebe zu halten. Sie spricht viel und gern, sagt aber wenig Konkretes. In einer manifestartigen Schrift von Anfang Mai beschrieb sie ihr Kunstverständnis so: „Die documenta (13) wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision angetrieben, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht. Diese Vision teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen.“ Ob dies eine Mammut-Schau trägt, auf der 180 Künstler 100 Tage lang ihre Positionen artikulieren dürfen, wird sich zeigen. Im besten Fall ist das alles so neu und überraschend, dass man verändert nach Hause fährt statt nur abzuhaken, was man schon kennt.

Der Südafrikaner William Kentridge, einer der wenigen sehr bekannten Namen dieser documenta, kennt selbst kaum einen seiner Mit-Aussteller. Er habe Christov-Bakargiev gefragt: „Wer sind eigentlich all diese Künstler, 90 Prozent der Namen habe ich noch nie gehört!“, berichtete er dem Kunstmagazin „art“ und erklärte zugleich: „Ich finde das fantastisch.“

Von Sandra Trauner

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