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Eine Heimat für das BR-Symphonieorchester: Mit dieser Animation gewann das Bregenzer Architektenbüro Cukrowicz Nachbaur den Wettbewerb.

SAAL-DEBATTE

Warm- oder Kaltblüter: Wie wird das Münchner Konzerthaus?

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Die Akustik des neuen Münchner Konzerthauses wird zur Glaubensfrage. Eine Bestandsaufnahme - und ein Interview mit Bauministerin Ilse Aigner.

München - Ein paar Tage noch, dann gehen die Mitglieder des BR-Symphonieorchesters in die Sommerpause. Wie fast immer nach „Klassik am Odeonsplatz“. Und wenn sie im Herbst wieder da sind, müssen sie sich nur noch wenige Wochen gedulden. Dann dürfte klar sein, wie die neue Heimat am Ostbahnhof klingen wird. Die Entscheidung ist dabei mindestens so wichtig wie die Architektur – sie ist sogar eine Glaubensfrage.

Federführend in der Angelegenheit ist Bayerns Bauministerium mit Ilse Aigner an der Spitze(siehe unten). Wer sich dort umhört, wird beim Thema Akustik etwas ausgebremst. Natürlich sei dies eine immens wichtige Sache. Doch genauso vordringlich sei das Raumprogramm. Verwaltung, Probenzimmer, Anlieferungszone, überhaupt die gesamte Logistik: Auf Reisen zu europäischen Konzertsälen konnten die Experten erfahren, wie viel bei diesen Planungen schiefgehen kann – gerade wenn das Thema Architektur und Klang alles andere überstrahlt. Eine lange Anforderungsliste ist mittlerweile entstanden und wird mit dem Bregenzer Architektenbüro Cukrowicz Nachbaur gerade verhandelt und abgearbeitet.

Und dennoch: Ohne eine herausragende Akustik, das wissen Musiker, Chefdirigent Mariss Jansons, Bau- und Wissenschaftsministerium plus Bayerischer Rundfunk, dürfte das Projekt als gescheitert gelten. Ein immenser Druck. Dass in dieser Sache seit Jahren der Name von Akustiker Yasuhisa Toyota durch die Debatte geistert, ist bekannt. Noch ist nichts entschieden, auch er muss sich dem Wettbewerb unterziehen. Doch Tatsache ist auch: Fast alle neuen Säle tragen derzeit seine Handschrift.

Droht München die Monokultur?

Das könnte sogar so weit gehen, dass München bald drei Toyota-Säle bekommt. Für die Interimsphilharmonie in Sendling wurde der Japaner verpflichtet, der Gasteig-Umbau könnte auf sein Konto gehen – und vielleicht das Konzerthaus am Ostbahnhof. Toyotas Erfolgsgeheimnis ist auch, dass seine Planungen eine bestimmte Qualitätsschwelle nicht unterschreiten. Wer ihn verpflichtet, geht kein großes Risiko ein: Da weiß man, was man hat.

Kühl, trennscharf, auch entblößend: So hört sich die Hamburger Elbphilharmonie an.

Doch seine klanglichen Ausstattungen sind nicht unumstritten, man denke nur an die 2017 eröffnete Elbphilharmonie. Toyotas Säle sind allesamt Kaltblüter. Ein kühler, puristischer, trennscharfer, entblößender, wie mit einem akustischen Elektronenmikroskop erzielter Klang eint sie. Für den Hörer eröffnet sich dabei die Musik, als lese er gerade die Partitur mit. Bei vielen Musikern, vor allem bei Dirigenten ist das sehr beliebt. Wer ein solches weißes Blatt vor sich hat, kann sich fast ungehindert entfalten. Das einzige Problem: Toyota-Säle vergrößern auch Fehler und brauchen daher First-Class-Ensembles – wie eben die BR-Symphoniker.

Einen Klang, der nicht nur ins Hirn, sondern auch in den Bauch geht, bietet das KKL Luzern.

Es gibt zu alledem auch einen Gegenpol. Unter den neuen Bauten wird der vor allem vom KKL Luzern repräsentiert, diesem von vielen gepriesenen Wundersaal. Verantwortlich für die Akustik war hier die Artec-Gruppe, seinerzeit vertreten durch den 2007 gestorbenen New Yorker Russell Johnson. Weniger um den Gegensatz Weinberg-Architektur (wie in Hamburg) contra Schuhschachtel geht es dabei: Artec baute in Luzern „Klangkammern“ hinter den normalen Saalwänden ein, die bei Bedarf geöffnet werden können. Ergebnis ist eine größere Resonanz, auch eine Betonung der Tiefenregister. Der Klang dieser Säle geht, verkürzt gesagt, nicht nur ins Hirn, sondern auch in den Bauch. Sie sind quasi die Warmblüter der Szene und haben einen legendären Vorläufer: den Wiener Musikvereinssaal, der auch auf „mitschwingende“ Hohlräume vertraut. Säle dieser Machart bringen den darin spielenden Musikern also eine starke Eigencharakteristik entgegen.

Geteilte Stimmung im BR-Symphonieorchester

Nicht nur im BR-Symphonieorchester, Hauptnutzer des künftigen Münchner Konzerthauses, ist die Stimmung in Sachen Akustik gesteilt. Mariss Jansons gilt als extremer Toyota-Verfechter. Klangkammern wie in Luzern oder beim 2015 eröffneten Nationalen Musikforum in Breslau lehnt er als „künstliche Nachhilfe“ ab. Der Chefdirigent und viele Musiker hätten es gern pur. Zugleich aber ist Jansons einer, der aus dem Schwärmen über den Musikverein (durch den er auch in seiner Wiener Studienzeit geprägt wurde) nicht hinauskommt. Ein Widerspruch.

Im Beratungsgremium, das den Bauherrn Freistaat unterstützt und das bis zum Herbst seine Entscheidung getroffen haben will, sitzen Akustik-Experten, Vertreter des BR-Symphonieorchesters und der Hochschule für Musik und Theater (die ebenfalls Nutzer des Konzerthauses sein wird) sowie externe Profi-Musiker. Viel hängt von diesem Votum ab. Denn all das zeigt, wie offen die Akustikfrage in München gerade ist. Es handelt sich sogar um eine doppelte Glaubensfrage: Warm- oder Kaltblüter? Und auf die gesamte Stadt bezogen: Monokultur oder Klangvielfalt?

„Das wird kein geschlecktes Viertel“, glaubt Bayerns Baumnisterin Ilse Aigner.

Interview mit Bauministerin Ilse Aigner (CSU):

Rund eineinhalb Jahrzehnte wurde nach einem Standort gesucht, nun hat sich die Sache wieder verzögert. Befürchten Sie, dass die kritischen Stimmen in der Bevölkerung lauter werden?

Aigner: Ihre Befürchtungen teile ich nicht, ganz im Gegenteil. Der Wettbewerb und vor allem die Ausstellung der Siegerentwürfe danach haben gezeigt, wie groß das Interesse ist. Und zwar nicht nur in der Fachwelt, sondern auch bei den Bürgern. Knapp 10 000 Besucher haben sich die Ausstellung im Werksviertel angeschaut. Danach waren die Wettbewerbsentwürfe im Landtag ausgestellt. Die Erwartung, dass wir einen erstklassigen Saal bekommen, ist schon sehr hoch. Eine Landeshauptstadt wie München und Bayern brauchen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle Leuchttürme.

Der Landtag möchte, was die laufenden planerischen Entscheidungen betrifft, eng eingebunden werden. Spüren Sie Skepsis unter den Abgeordneten?

Aigner: Das alles hat nichts mit dem Konzerthaus zu tun, sondern mit einzelnen Projekten der Vergangenheit, die sich verteuert haben. Stichwort zum Beispiel Gärtnerplatztheater. Deshalb ist der Geldgeber verständlicherweise daran interessiert, dass er die Kontrolle behält – gerade dann, wenn vom Bauherrn nachträglich Sonderwünsche auftauchen. Wir sind da allerdings auf einem sehr guten Weg. Es ist übrigens immer ein Unterschied, ob man Neues baut oder im Altbestand Umbauten vornimmt. Da kann es eher zu Unvorhersehbarem kommen.

Weckt man mit dem Konzerthaus Begehrlichkeiten in anderen Regionen des Freistaats?
Aigner: Es gab und gibt ja schon größere Projekte andernorts, zum Beispiel den Ableger des Deutschen Museums in Nürnberg. Ich bin davon überzeugt, dass die Landeshauptstadt eine herausragende Funktion einnimmt, die etwas international Sichtbares braucht. Letztlich ist es aber ein Konzerthaus für ganz Bayern, nicht nur München. Allein die günstige Lage am Ostbahnhof mit schneller Anbindung zum Flughafen verspricht eine gute Erreichbarkeit auch über das Stadtgebiet hinaus.

Allgemein wird das so heterogene, bunte Flair im Werksviertel gelobt. Aber wer garantiert, dass daraus kein total geschlecktes Areal wird? Grundstückseigentümer Werner Eckart will doch finanziell bestimmt das Maximum herausholen.
Aigner: Das würde ich nicht so sehen. Allein das Gründerzentrum wird nie geschleckt werden. Es wird bei der bunten Mischung bleiben. Oder nehmen Sie die Hotelnutzung: Es gibt dort nicht nur Hochpreisiges, sondern explizit auch Zwei- oder Drei-Sterne-Hotels für junge Leute. Werner Eckart legt extremen Wert darauf, dass kein steriles Viertel entsteht, sondern eines, das mit Leben gefüllt wird.

Ist es ein Problem, dass mehrere Ministerien und die Staatskanzlei zuständig fürs Konzerthaus sind? Jeder will ja auch ein Stückchen Ruhm abhaben.
Aigner: Nein. Die Aufgaben sind klar verteilt. Ein starker Teamgeist trägt das Projekt, gemeinsam wollen wir was Großes schaffen. Bauherr ist das Wissenschaftsministerium, die Projektleitung für Planung und Bau liegt bei der Staatsbauverwaltung. Das Wissenschaftsministerium als Bauherr macht den ersten Spatenstich, mein Bauministerium, also die Bauleute, richten traditionell das Richtfest aus. Aber keine Sorge: Es gibt immer auch mehrere Spaten. Wir packen da alle mit an!

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