Noch regiert der alte Adel

- Selbstbewusster geht's kaum: Vicky Leandros, die große, nicht mehr blutjunge Dame des leichten Fachs, Herzschmerz-Expertin, First Lady des internationalen Schlagers, beginnt den Abend in der Münchner Philharmonie mit ihrem größten Erfolg: "Après toi", mit dem sie 1972 den Grand Prix gewann. Was für ein Jubel.

Die Leandros verneigt sich zart nach allen Seiten, und in jeder dieser Gesten schwingt mit: Noch regiert in diesem Palast alter Adel. Und wenn sich heuer auch mal Cowboyhut-Träger aus Hamburg auf den Thron gesetzt haben - sie sind doch nur zu Gast hier, also bitte nichts anfassen.

Von Enttäuschung über die Niederlage gegen die Country-Band "Texas Lightning" beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest keine Spur mehr, im Gegenteil: Sie habe heute die Gelegenheit, ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum zu feiern, sagt Leandros - eigentlich das 40-jährige, inklusive Familien-Auszeit. Nun lädt sie ein, "die vielen verschiedenen Wege", die sie beschritt, noch einmal Revue passieren zu lassen. Alle Erfolge - die französischen, die deutschen, die griechischen und englischen. Geschmackvoll begleitet von einer neunköpfigen Band, die die Stimme der 53-Jährigen mit viel klassischer Gitarre, Cello und Violine luftig umschmeichelt.

Eine Stimme, die zum Markenzeichen geworden ist: Geliebt für ihre nackte Ehrlichkeit, für dieses "Leilalalei", das den Fans tief ins Herz geht, gefürchtet eher für die hohen, lauten Register, die man bis tief in die Zahnwurzeln spürt. Sie besingt ein eigenes Universum, in dem die Liebe je nach Stimmungslage mal blau, mal rot ist und in dem sich Herz immer auf Schmerz reimt. Die Liebe dauert einen schönen Sommer, und am Ende steht die bange Frage: "Warum tun Gefühle so weh?"

Zwischen den Songs erzählt Leandros sympathische Anekdoten und überrascht fast ein wenig mit ihrem geschmackvollen Frühwerk, als sie Bob Dylan, James Taylor, Paul Simon und Jacques Brel sang. Bevor sie dann schließlich Theo zur Fahrt nach Lodz auffordert und der Saal endgültig Kopf steht, holt sie als eigentlichen Höhepunkt ihre ganze Band nach vorne und gibt "Grüße an Sarah" in einer gekonnten A-cappella-Version. "Perfekt!", ruft jemand im Dunkel. "Ja", murmelt sie mit allem Selbstbewusstsein des alten Adels, "das war es".

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