Nur noch Sprachbrocken in Lears Land

- München - In die Jutierhalle aufstrebend, breitet ein mächtiger Baum seine Krone aus. Unten auf einem Klapphocker ein altersschlaffer Mensch, auf seinem Kopf schräg eine Papierkrone: Shakespeares "König Lear" oder nur ein Alzheimer-Patient, der sich für Lear hält? Die Münchner Kammerspiele, zeitgenössisch orientiert, pflegen den belgischen Regiestar Luk Perceval ('03 hier sein "Othello"): für sein in Brügge uraufgeführtes "L. King of Pain" vom ausgezeichneten Toneelhuis-Ensemble und Thomas Thieme als "L." jetzt enthusiastischer Beifall. Der Baum und der alte Mann. Die Kraft und das Absterben. Symbole und Bilder, denn die Sprache ist am Zerfallen in Percevals L(ear)-Land - was Überall-Land sein kann.

Der Alte, leer blickend in eine nicht mehr erfasste Wirklichkeit, will reden. Aber es dauert die Zeit eines Beckett-Wartens. "Muss i denn zum Städtele hinaus", singt es leise im Hintergrund. Dann doch Sprachbrocken von L., merkwürdig altertümliche, "Ik moet mijn Dochter spreken" - Goneril, Reagan und Cordelia. Aber sie heißen anders, diese blaustrumpfigen Lehrerinnen und Hausfrauen. Und L.s Hofstaat, also die Heiminsassen, die seinen Wahn mitspielen, wirr und zerrissen in ihrem flämisch-deutsch-französisch zänkenden Kauderwelsch, das ist eine verrottete Gesellschaft: Gloster in schlampigem Bademantel, halb Mann, halb Frau, sein Sohn und sein Bastard nur gottverlassene Spaßproduzierer: "Was ist Inzest? Ein Spiel für die ganze Familie." Mit solchen Zoten schmeißen sie L.s Geburtstags-Party. Am Ende blechdonnernde Objekte-Schlacht.<BR><BR>Shakespeares Rüpelszenen überspitzen, das will Perceval: um einen verkommenen Zustand (Europa im Blick?) durchscheinen zu lassen. Aber natürlich auch ganz traditionell zwecks "comic relief". An- und Abspannen ist das dramaturgische Prinzip, bewundernswert durchgehalten bei der Theatralisierung eines senilen Lebensendes. Thomas Thieme presst dieser Rolle alle erdenklichen Nuancen ab.<BR><BR>Geradezu musikalisch durchkomponiert wirkt so der Abend mit seinen in ironischer Schwebe romantisch vorgetragenen Liedern. Ja, Perceval beherrscht bis in die letzte Note dieses aus Improvisation gewonnene Spielen: Wie aus dem Nichts finden sich L. und Tochter Cordelia/Yvon, umarmen sich. Da ist man für Sekunden so nah an diesem Vater-Tochter-Gefühl, wie man es im Sprechtheater des kultivierten Tons selten ist. Paradox dennoch: Das Heruntersteigen ins Alltägliche, diese Sprach-Verendung und Szenen-Zersplitterung machen die Figur(en) klein und grau, ihr Schicksal belanglos. Warum sonst Shakespeare noch als Folie? - Das zeitgenössische Theater öffnet Türen, trägt aber seinen ephemeren Charakter schon in sich.<BR><BR>Noch an diesem Samstag, Tel. 089/ 23 33 69 99.<BR>

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