Königin aus dem Wüstensand

Vor 100 Jahren wurde „Nofretete“ gefunden

Berlin - Die Dame lag 3000 Jahre im Wüstensand – nun beschert sie dem Neuen Museum in Berlin jährlich eine Million Besucher. Am Nikolaustag vor 100 Jahren fand man sie: Nofretetes farbige Büste.

Ludwig Borchardt schreibt in seinem Tagebuch von einem „Duseltag“ in Tell-el-Amarna im Winter 1912. Aus dem Wüstensand, der die einstige altägyptische Idealstadt Achet-Aton bedeckte (also Amarna, 400 Kilometer nördlich von Theben), hatte etwas Farbiges herausgespitzt. Einer der rund 150 einheimischen Helfer lief zu dem deutschen Ägyptologen, und zusammen legte man den Königinnenkopf frei: Nofretete – ein Werk, das jeden in seinen Bann zieht, heute und vor hundert Jahren, allerdings vor über 3300 Jahren nicht mehr so recht, als die Pharaonin langsam ausgespielt hatte.

Doch jetzt überstrahlt „Die Schöne kommt“ (was Nofretete heißt) einfach alles – und genau das wollte das Berliner Museumsteam um Chefin und Kuratorin Friederike Seyfried nicht mehr hinnehmen. Denn Ludwig Borchardt und seine Mannen hatten in Amarna tausende Objekte ans Licht geholt. Schließlich hatten sie Teile einer Stadt mit Wohnhäusern, Werkstätten und Palästen „gehoben“.

Nach der damals üblichen Fundteilung blieb eine Hälfte im Land, die andere ging an denjenigen, der die Arbeiten bezahlte. Und so reiste die Büste neben anderen Köpfen, Reliefs, Gebäudeteilen, Haushaltswaren, Schmuck, Glas und Fayencen nach Berlin: Der kunstsinnige Baumwollkaufmann James Simon, Spross jüdischer Eltern, hatte alles finanziert.

Deswegen lädt die Berliner Schau zunächst ein, die spannenden Tage in der Wüste von Amarna mitzuerleben – mit Fotos (auch auf Großbildschirm), Verträgen, natürlich dem erwähnten Tagebuch, Fundschachteln, Skizzen und Plänen. In Simons Berliner Salon sieht der Besucher danach die schönsten Artefakte fein aufgestellt – bekommt aber auch die ersten Kämpfe um die Nofretete mit.

Denn ab 1924, also nach der zweiten Ausstellung, war der Teufel los, wie uns eine Vielzahl von Zeitungsartikeln entgegenschreit. Von damals bis heute werden die Rückgabe-Forderungen in Wellen erhoben. Fast legendär wurde Zahi Hawass, der oberste Chef der ägyptischen Antikenbehörde, mit seinen Wutattacken, bis ihn der Arabische Frühling wegfegte.

Und heute wie damals trotzt Berlin allen Unbilden. Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, erklärte bei der Pressekonferenz zur Ausstellung, dass die Nofretete-Büste „unzweifelhaft und zu Recht im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ sei und „von einer Täuschung bei der Teilung keine Rede sein“ könne, alles andere seien Gerüchte. Kurzum: Nofretete bleibt Berlinerin.

Übrigens kann auch von „Dusel“ gesprochen werden, was Preußen angeht. Denn der Mäzen James Simon übertraf sich selbst, als er 1920 all die 5500 Objekte aus Achet-Aton dem Staat schenkte. Sein sensationeller Patriotismus wurde in der Nazi-Zeit fast ins Vergessen gedrängt, nun jedoch ehren ihn die Verantwortlichen nach Kräften.

Das geschieht ebenfalls mit dieser Präsentation, die sich keinesfalls als Nofretete-Feier verstehe, wie Kuratorin Seyfried betont. Man wolle vielmehr die „Zeit von Amarna lebendig“ werden lassen und die Besucher „um 3360 Jahre zurückversetzen“. Mit kaum unterdrückter Schärfe betont sie außerdem, dass das Ägyptische Museum sich weder „an Mumien- noch an Machtfrage-Spekulationen beteiligen“ werde.

Die Wissenschaftlerin spielt dabei auf diverse Kollegen und Möchtegern-Ägyptologen an, die Theorien rund um „Die Schöne kommt“ entwickeln, dass jeder Romanautor vor Neid graugrün würde. Von Inzest bis Mord gehen die Geschichten; neuerdings ist die Pharaonin höchstselbst die Gründerin der Ein-Gott-Religion und die mächtigste Herrscherin sowieso (siehe auch Interview). Neuerdings werden die diversen „Thriller“ gern mit DNA-Analysen von Mumien unterfüttert. Wobei häufig gar nicht klar ist, welcher Leichnam wer ist. So kann Nofretete locker mal die Schwester ihres Gatten Echnaton sein – oder halt doch nicht. Eine Auswahl an den aktuell kursierenden Ideen sind in den unten angefügten Büchern zu finden. Ein gefundenes Fressen für Gruselfantasien war das „Verschwinden“ der Pharaonin im Regierungsjahr zwölf. Die Lücke konnten topaktuell Forscher der belgischen Universität Leuven mit einem Fund schließen. Noch im 17. Jahr wird Nofretete zusammen mit Echnaton offiziell erwähnt.

Ein-Gott-Religion ist das zentrale Stichwort für Amarna. Ohne sie wäre die Stadt gar nicht entstanden. Pharao Amenophis IV. (1351-1334 v. Chr.) wandte sich radikal von der altägyptischen Vielgötterei ab und postulierte recht diktatorisch, dass es nur einen gebe, Aton nämlich, das Licht, die Sonne. Amenophis nannte sich in Echnaton um und erklärte, dass nur er – nicht die Priester – mit dem Gott in Kontakt treten könne. Auf den Reliefs wird Aton, dem Echnaton und Nofretete opfern dürfen, als Scheibe dargestellt. Aus ihr weisen Strahlen, die in segnenden, gebenden Händen enden, auf die Königsfamilie.

Regierungssitz und wichtigste Kultstätte für dieses revolutionäre theologische Konzept sollten nicht mehr Memphis und Theben sein, sondern Achet-Aton – eine Stadt, die es nicht gab. So schnell sie erbaut wurde (1346 v. Chr. bezogen), so schnell wurde sie aufgegeben. Echnatons und damit Atons Macht wurden gebrochen, die alten Götter unter Staatsgott Amun hatten wieder das Sagen. Aus Echnatons zweitem Nachfolger Tut-anch-Aton (dazwischen kam Semench-ka-Re) wurde schnell Tut-anch-Amun, dessen goldene Totenmaske wir nur zu gut kennen.

Auf subtile Weise schildert die Schau „Im Licht von Amarna – 100 Jahre Fund der Nofretete“ diesen Konflikt: obwohl wir den friedlichen Alltag in den Häusern von Achet-Aton vorgeführt bekommen. Zum privaten Leben gehörten eben sehr wohl die Götter von einst. Das findet Göttin Thoëris offenbar saukomisch: Denn in Gestalt eines stehenden Nilpferds mit flachen Frauenbrüsten lacht sie geradezu dreckig (als Fayencefigürchen). Sicher, Pharao hatte einen wunderbaren Aton-Hymnus (Hörstation) gedichtet. Bei den überkommenen Gottheiten fühlten sich indes sogar die Menschen besser aufgehoben, die mit ihrem Herrscher ins neue Zentrum gezogen waren.

Zu ihnen gehörte der Bildhauer Thutmosis, in dessen Werkstatt der Nofretete-Kopf, den damals niemand mehr interessierte, neben einem wohl in Anti-Aton-Wut schwer demolierten Echnaton-Porträt und diversen Prinzessinnen-Büsten gefunden wurde. Sie sind im Neuen Museum immer zu bestaunen. Nun mit all den Exponaten, die noch nie gezeigt wurden (!), schauen wir gewissermaßen zu, wie so eine Werkstatt funktionierte: mit Gipsmodellen, unfertigen Arbeiten, auf denen noch die Korrekturzeichen zu erkennen sind. Exzellent und rationell wurde gewerkelt bei Thutmosis. Arme und Beine für Statuen fertigte man vor.

Das Faszinierende und fröhlich Stimmende an dieser Präsentation ist die Kombination aus Hoch und Niedrig. Nofretete ist der eine Pol (die Büste ihres Gatten wurde übrigens extra für die Schau rekonstruiert): unnahbar schön und doch greifbar lebendig. Der andere Pol ist uns plötzlich nah: Da gibt es zum Beispiel Steinplatten mit Aussparungen für Geschirr – wie bei den Klapptischchen im Flugzeug. Da gibt es das Wunderwerk der bunten Fayencen, ob Fliesen oder Schmuck. Und da macht eben ein winzig modellierter Frosch auf dem gemalten Seerosenblatt der hehren Nofretete in unserem Herzen Konkurrenz. Schön, dass er „Im Licht von Amarna“ sitzen darf.

Simone Dattenberger

Ausstellung:

Bis 13. April 2013,täglich 10 bis 18 Uhr, Neues Museum, Bodestraße 1-4, Ticketvorverkauf: www.imlichtvonamarna.de, Katalog, Michael Imhof Verlag: 29,95 Euro.

Lektüre:

Franz Maciejewski: „Nofretete. Die historische Gestalt hinter der Büste“. Osburg Verlag, Hamburg, 240 Seiten; 19,95 Euro. Hermann A. Schlögl: „Nofretete. Die Wahrheit über die schöne Königin“. C.H. Beck Verlag, München, 128 Seiten; 8,95 Euro. G.F.L. Stanglmeier: „Der Fall Nofretete. Die Wahrheit über die Königin vom Nil“. Herbig Verlag, München, 255 Seiten; 19,99 Euro.

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