+
Büste der Nofretete in einem Saal des Museums.

Nofretetes Heimkehr

Sanierte Kriegsruine: Ägyptisches Museum und Museum für Vor- und Frühgeschichte im Neuen Museum Berlin

Nofretete ist es, die Berlins Gäste schon lange bezaubert und ab diesem Wochenende magisch auf die Museumsinsel ziehen wird – wie sie es schon beim Charlottenburger Schloss, Kulturforum und Alten Museum tat. Nach der Kriegsauslagerung und nach jenen Zwischenstationen ist sie in ihr angestammtes Heim zurückgekehrt: in das Neue Museum, während eines Festakts mit Angela Merkel am Freitag eröffnet. Der fünfte Kunsttempel auf der Insel, direkt neben dem Pergamon-Museum, der Alten Nationalgalerie, dem Alten Museum und nur ein paar Schritte vom Bode-Museum entfernt, blieb am längsten Kriegsruine.

Bogen zum Heute

Jetzt, von David Chipperfield zum Teil saniert und akribisch restauriert, zum Teil neu gebaut, beherbergt das dezente, langgestreckte, klassizistische Gebäude von Friedrich August Stüler das Ägyptische Museum inklusive Papyrussammlung sowie das Museum für Vor- und Frühgeschichte mit einigen Werken der Antikensammlung – oder in Zahlen: auf 8000 Quadratmetern und vier Ebenen 9000 Exponate aus dem Zeitraum von 45 000 v. Chr. (Neandertaler-Schädel) bis heute. Denn in dieser einschüchternden Geschichtsballung schlagen die Ausstellungskonzepte ganz bewusst den Bogen zur Gegenwart. Der ist vor allem das Museum selbst: Es speichert die Sammel- und Besitzwut des 19. Jahrhunderts (ein alt ausgestatteter Raum wurde wieder eingerichtet); es zeigt an seinen Wunden und Prothesen (die Einschusslöcher sind da noch das Wenigste) die Kriegsraserei sowie die Armut der DDR, die das Haus nicht zu retten vermochte; zeigt den Vereinigungswillen nach dem Mauerfall und, fabelhaft mutig, den Traum von einer Museumsinsel, die in Zukunft den Menschen aus aller Welt Großartiges aus der Menschheitsgeschichte auf engstem Raum bieten möchte. Nofretete wird da das Ihre dazu beitragen.

Entdeckerglück

Aber auch alle anderen Säle sind unbedingt einen Besuch wert. In jedem findet der Betrachter nicht nur das Erwartbare zwischen Mumienmaske und Germanen-Schwert, sondern auch das Beglückende einer Überraschung – etwas, was man im Innersten nach Hause nimmt: Das mag der Sarkophag in Menschengestalt sein, bei dem nicht einmal die Sandalenriemen fehlen, das mögen die humorvollen Tier-Gefäße (3000 v.Chr.) aus der Schliemann-Sammlung sein – der „Schatz des Priamos“, russische Beutekunst, ist in Kopie vorhanden –, das mögen die „modern“ in die Länge gezogenen Weihe-Figuren aus der umfangreichen Zypern-Sammlung sein, die Alberto Giacometti (1901-1966) inspiriert haben könnten; oder eben Nofretete selbst.

Die Schöne

Oft gesehen, unendlich oft abgebildet, begegnet sie einem nun frisch, fremd, nah und doch auratisch fern. Ihr allein ist der achteckige Saal im Obergeschoss vorbehalten, der die Bomben am besten überstanden hat. Eine Kassettenkuppel überwölbt das Kunstwerk. Am Boden und an den Wänden noch die Buntheit der ursprünglichen üppigen Ausstattung des Stülerbaus. Und: Die Farben korrespondieren fein und sinnlich mit denen der Büste. Die hervorragende Ausleuchtung gibt alle Details von den wundervoll modellierten Ohrmuscheln bis zur eleganten Lippenlinie preis. Da ist eine Frau voll souveräner Entschlossenheit, die sich nicht durchschauen lässt. Die Lider leicht gesenkt, wartet sie gelassen seit Jahrtausenden, was noch alles auf sie zukommt.

Altägypten

Auf drei Ebenen ist sie jetzt endlich wieder von ihrer Welt umgeben: von 2500 Objekten der Ägyptischen Sammlung – sie besitzt insgesamt 80 000 – inklusive Werken aus Nubien, heute Sudan. Der Besucher erlebt zum Beispiel im Überblick die unnachahmliche Intensität der altägyptischen Figuren-Plastik, die Porträts der Echnaton-Nofretete-Familie (ohne Schmäh, aber hervorragend präsentiert), die unerschöpfliche Vielfalt der Reliefs, bestens erkennbar durch Streiflicht. Man erfährt außerdem viel über den Alltag zwischen Pflug, Rizinus-Samen, Schreib-Utensilien und den alles dominierenden Totenkult. Beim Kapitel „Jenseits und Wirklichkeit“ wird wieder ein Bogen geschlagen: zu römischen, christlichen, ja sogar helgoländisch-heidnischen Bestattungen. Rom, das sich ja Ägypten einverleibte, ist das Bindeglied zum Norden und Osten und damit zum Museum für Vor- und Frühgeschichte. Es dockt hier mit seinem Ausstellungskonzept an die „Ägypter“ an, sodass der Besucher bruchlos bei den Kelten, Germanen, Awaren oder Situlern (Oberitalien), also im gesamten Einzugsbereich des römischen Imperiums landet. Die künstlerische Spannweite erstreckt sich vom bezaubernden „Knaben von Xanten“ (römisches Rheinland) bis zur knorrigen Kultstatue (germanisch), die jeden Expressionisten entzücken würde. Und bis zur Christianisierung, beginnend mit Exponaten aus der Merowingerzeit, etwa einem schönen Almadin-Ring aus Oberbayern.

Die Höfe

Neben diesen Beziehungen stellt das Neue Museum sogar vertikal-bauliche her. Der „Ägyptische Hof“, ein offener Raster-Kasten, durchbricht von unten nach oben das Haus und verbindet die Unterwelt mit den pharaonischen Höhen. Der zweite Hof, der „Griechische“, symbolisiert das gesamte Museum: Sein Thema ist „Die Bezwingung des Chaos“. Wenn Pharao jagt, unterwirft er die Natur. Wenn Zeus als Koloss gezeigt wird, ist er allmächtig wie die Riesen-Götter aus der Steppe (Ukraine). Jedoch, sie alle sind Fragment, sind Amputierte wie das sie umgebende Haus. Das Chaos ist immer nur auf Zeit zu besiegen. Das beweisen Chipperfields „Überbauung“ genauso wie die Sammlungen – auf wunderbar tapfere Weise: ein ewig menschliches Trotzdem, das der Kunst am besten gelingt.

Beginn der Kultur

Begonnen hat sie in der Vorgeschichte. Fast sofort, das beweisen die Funde aus der Altsteinzeit, gestaltet, verziert, symbolisiert der Mensch etwas. In der Präsentation auf Ebene 3 weicht das edle Design der auch kindgerechten Didaktik, erklärt man in großzügigen Linien das Werden der Kultur – durchaus mit Humor: Der Eiszeitkünstler ist so frappant lebensecht wie genialisch grantig. Auf diesem Geschoss ist natürlich der über 70 Zentimeter hohe Gold-Hut (9.-8. Jh. v. Chr.) ein Höhepunkt. Das Zeremonial-Objekt ist ein raffiniert ausgetüftelter Sonne-und-Mond-Kalender. Dieser Früh-Computer wird anschaulich erklärt.

Die Architektur

Bei aller Freude über das neue Neue Museum und seine vielen Genüsse gibt es eine schockierende Enttäuschung. Außen ist noch alles gut. Chipperfield hat für den frisch errichteten Trakt Stülers Proportionen aufgenommen, allerdings wohltuend schmucklos belassen. Innen, in der imposanten Treppenhalle, ist er gescheitert. Zu Recht hat er den einstigen opulenten Wandschmuck nicht rekonstruieren lassen, die Ziegelmauern bleiben sichtbar. Das wirkt nobel. Der eingeschobenen Treppe und ihren „Wänden“ hat er einen beigen Kunststein verpasst. Aufgeraut schaut der aus wie eine Kreuzung aus Pressspan-Platten und Knöcherlsulz – entsprechend dreht sich beim Anblick der Magen um. Also, schnellstens in die Säle flüchten zu Nofretete und Co.

Simone Dattenberger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Rockavaria findet 2018 wieder in München statt – an einem ganz anderen Ort
Das Musikfestival Rockavaria findet am 9. und 10. Juni 2018 wieder in München statt. Die Veranstalter haben das Freiluftspektakel vom Olympiapark an einen ganz anderen …
Rockavaria findet 2018 wieder in München statt – an einem ganz anderen Ort
Konzertkritik: So war Anathema im Backstage
Einen abenteuerlichen Weg hat die Liverpooler Band Anathema in zweieinhalb Jahrzehnten zurückgelegt: von ruppigem Doom Metal über düsteren Alternative Rock hin zu einer …
Konzertkritik: So war Anathema im Backstage
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ gehört zur DNA des Münchner Gärtnerplatztheaters. Das passende Stück also zur Wiedereröffnung - auch wenn der Abend recht brav ausfällt.
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Das wird ein Fest für Trash- und 90er-Fans. Gleich sechs Bands, die im Umz-umz-Zeitalter für Furore gesorgt hatten, treten beim Event „Die Mega 90er live!“ in der …
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle

Kommentare