Szene aus „Intolleranza“
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Totales Körpertheater: Szene aus der Inszenierung des belgischen Multikünstlers Jan Lauwers.

Exemplarische Aufführung in der Felsenreitschule

Nonos „Intolleranza“ bei den Salzburger Festspielen: Rennen, leiden, schreien

  • Markus Thiel
    VonMarkus Thiel
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Ist Nonos „Intolleranza“ aus der Zeit gefallen oder kann uns das Stück jenseits hohler Aktualisierung noch berühren? Salzburg antwortet mit einer exemplarischen Aufführung.

Eine Stelle gibt es in diesem maßlosen Werk, da darf das Heute einbrechen. Luigi Nono sah hierfür „Absurditäten des heutigen Lebens“ vor. Vor exakt 60 Jahren, bei der Uraufführung in Venedig, wurden Schlagzeilen verlesen. „Mutter von 13 Kindern war ein Mann“, „Atomstaub nähert sich unserem Gebiet“ – was man eben bei der Frühstückslektüre so findet.

Später bemühten Regisseure Heiner Müllers „Sisyphos“, und ganz arg traf es 2001 in Berlin Peter Konwitschny. Wenige Tage, nachdem Flugzeuge auf New York stürzten, brachte er eine Chronik des 11. September. Eine Verzweiflungstat: Wie darf, muss Oper auf Zeitgeschichte reagieren? Was impliziert: Soll sie es überhaupt?

In Salzburg gellt an dieser Stelle ein Höllengelächter. Ein blinder Seher, uralter Theatertopos, hält der Menge ihre Verfehlungen vor. Und aus hunderten (!) Kehlen wiehert und spottet es, ohrenbetäubend, lauter noch als zuvor Nonos wilde Musik. Bis der Mann das Unwort ausspricht, „Wahrheit“, und die Stimmung in den Buhsturm kippt. Fakten, so weit kommt’s noch.

Premiere am Tag des Falls von Kabul

In der Felsenreitschule schauert es einen in diesen Momenten. Wie man überhaupt in dieser Festspiel-Premiere so vieles mitdenkt, ohne dass es einem explizit gezeigt wird. Es ist auch der Tag, an dem Kabul fällt, während auf der Riesenbühne das Riesenthema Emigration verhandelt wird. Und immer klarer wird: Dass, was Jan Lauwers, dem belgischen Multikünstler, hier geglückt ist, das könnte als Modell für „Intolleranza 1960“ taugen.

Seit jeher muss das Stück, mit dem der Komponist gegen Faschismus und Unterdrückung und überhaupt das Leid der Welt anbrüllt, mit einem Malus kämpfen: Ob solch theatraler Agitprop, der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill verwandt, nicht doch aus der Zeit gefallen ist? Lauwers findet eine Lösung, die dem widerspricht. Ein totales Körpertheater, das tief ins Werk hineingreift. Tänzer, Statisten, Choristen, Solisten, alle sind ständig da und in Bewegung. Ein Kollektiv, das wogt und bedroht. Eine Übersetzung und Weiterführung von Nonos Partitur, mindestens ebenso komplex in seiner Verschmelzung von Detail und großem Aufriss, alles mit bestechendem Handwerk auf die Bühne gebracht.

Virtuose Körpersprache eines Riesenensembles

Nonos 1961 uraufgeführter Achtzigminüter um einen Emigranten, der ein Bergarbeiterdorf und seine Frau verlässt, um in der Fremde sein Auskommen zu finden, der dann in Krieg, Folter und Konzentrationslager gerät, der eine neue „Gefährtin“ hat und Zeuge einer Flutkatastrophe wird, all das ist eine einzige Zumutung. Für die Ausführenden, für das Publikum. In Salzburg sieht man sich einem oft irritierenden, überfordernden Geschehen ausgesetzt, einem sich ständig verändernden Theaterorganismus, aus dem man sich Einzelheiten herauspicken darf und soll.

Lauwers, verantwortlich auch für Bühne, Video und mit Paul Blackman für die Choreografie, zeigt mit dem Tanz-Ensembles Sead und dem Bodhi Project reale Momente. Körperkontakte, Misshandlungen, Folterungen, teilweise auf der Arkadenwand durch Schwarz-Weiß-Videos vervielfältigt. Doch ist das nie bloßer Naturalismus, sondern in dieser virtuosen, polyglotten Körpersprache überhöht, auch abstrahiert. Als sich die „Gefährtin“ an früher erinnert, ist im Video eine Frau mit ihrem saugenden Baby zu sehen, beide sind irgendwann blutüberströmt. Einmal ruft es „I can’t breathe“ aus der Menge – jene letzten Worte von George Floyd, bevor ihm der US-Polizist das Leben abdrückte.

Verstoßen und entwurzelt: Sean Panikkar als Emigrant.

Vieles streift Aktionismus und Kitsch. Doch in ihrer Dichte und in ihrer Gratwanderung zwischen konkretem, fassbarem Moment und vielschichtiger Totale ist diese Aufführung grandios gemacht. Zumal sich das Geschehen auch beruhigt und fokussiert auf den Emigranten zwischen den beiden Partnerinnen. Sean Panikkar singt ihn mit verblüffender Höhensicherheit und konditionsstarker Intensität. Bei Anna Maria Chiuri bekommt die „Frau“ Dimensionen einer Kassandra, Sarah Maria Sun geht als „Gefährtin“ unerschrocken an vokale und körperliche Grenzen. Victor Afung Lauwers, Sohn des Regisseurs, ist als zitternder, später durch die Szene irrender Seher dabei.

Wie es der Komponist wollte, sind die Orchestergruppen weit auseinandergezogen. Links und rechts der Bühne dröhnen die Schlagwerk-Batterien, im Graben gleißen die Wiener Philharmoniker, finden aber auch die richtige Atmosphäre für Nonos todtraurige Leere. Alles wird von Ingo Metzmacher mit abgeklärter Souveränität gelotst. Der Eingangschor wandert als Bandzuspielung durch den Raum, später zeigt der Wiener Staatsopernchor live und auch a cappella seine Klasse. Das Ende ist ein atemloser Rundlauf aller, eine verzweifelte, vergebliche Kreisbewegung: Ausweg, so begreift man, gibt es keinen mehr. Nur den Zusammenbruch.

Weitere Aufführungen
am 20., 26. und 29. August; salzburgerfestspiele.at; Ausstrahlung am 21.8., 19.30 Uhr, im Internet auf Arte Concert und um 22.15 Uhr auf 3sat (danach Mediathek).

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