Nostalgie der grauen Schläfen

- Und wieder wabert Nebel. In "Baudolino" geriet der Titelheld im leibhaftigen lombardischen Nebel an Friedrich Barbarossa, in Umberto Ecos neuem Roman "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana", der am Samstag in einer Startauflage von 200 000 Stück erscheint, tappt der Held und Erzähler im symbolischen Nebel herum. In mehrfacher Hinsicht. In Leben und Sterben. In Liebe und Liebesfantasmagorie. Im Ego und in der das Ich umspülenden Kultur.

<P>Ein Mann erwacht aus dem Koma. Er leidet an Amnesie, die Erinnerung kehrt nicht zurück. Dass er der Antiquar Giambattista Bodoni ist, wohnhaft in Mailand, verheiratet, zwei Töchter, drei Enkel, erfährt er im Krankenhaus von Arzt und Ehefrau Paola. Die Zeit: der erste Irakkrieg. Trotz aller Anregungen bleibt das persönliche Gedächtnis verschlossen. Ein Individuum gelangt zwar zu Bewusstsein, dieses ist jedoch abgeschnitten von seinen vergangenen Erlebnissen, von seinen speziellen Prägungen. Ein Individuum im Nebel des Seins also. <BR><BR>"Ich habe ein Zitat gelebt."<BR>Umberto Eco</P><P>Was dessen Hirn hingegen in Fülle produziert, ist Wissen. Ein riesiger mentaler Nebelwerfer schleudert seine dicken literarischen Zitat-Schwaden hinaus - naturgemäß auch über den Nebel selbst. Übermächtig, übervoll ist dieser Gedächtnisspeicher kultureller Zeichensysteme. Nur ein Wort, und das reichlich gebunkerte Wissen sprudelt hervor. Automatismen wie Zähneputzen oder Autofahren funktionieren - die Allernächsten, Allerliebsten bleiben fremd. Zuhause fühlt sich der Mann zwischen seinen Büchern, das wahre Zuhause ist gewöhnungsbedürftig. Jeder aus seiner Umgebung weiß mehr über ihn als er selbst über sich. War die schöne Sibilla, Angestellte im Antiquariat, sein Gspusi, oder ist das erotische Flirren nur ein Sehnen?<BR><BR>Den Durchbruch ins Gedächtniskammerl, das Lichten der Nebel soll schließlich eine Reise an den Ort der Kindheit bringen. Solara ist ein Dorf, in dessen nähe die Familie Bodoni ein Anwesen besitzt. Wunderschön wie Eco die Landschaft vor uns entstehen, den Zauber der einfachen Natur wirken lässt. Giambattista, Spitzname Yambo, ist dort 1931 geboren. Es war das Refugium des Großvaters, auch ein Bücherwurm und Sammler. Jetzt wohnt dort die alte Amalia, die den Erinnerungslosen nicht nur bestens bekocht, sondern ihm auch als authentische Auskunftei dient. Sie verkörpert erdig die Verwurzelung im Land mit Frucht und Krume, im Dialekt mit saftigem Ausdruck und abergläubischem Schauer, auch im Ständischen mit liebend unterwürfiger Neigung zu den Herrschaften. Der Kranke taucht ein in Großvaters Speicher, in eine Welt aus Zeitungen, Kinderbüchern, Comics und Schallplatten. Bilder und Geschichten, Gerüche und Töne aus den 30er-,40er-Jahren.<BR><BR>Ab hier beginnt Eco den Leser zu ermüden. Denn der Schriftsteller geriert sich weniger als Künstler eher als unermüdlicher, unersättlicher Archivar einer Kindheit im Faschismus. Was als Beispiel spannend sein könnte, was Schlaglichter auf die propagandistische Umwertung sogar von Schundheftln werfen könnte, was kindliche Gier nach Abenteuer, Erotik, Geheimnis, Grusel und Gaudi illuminieren könnte - und natürlich soll -, wird zugedeckt von Masse. Der italienische Professor hat mit der Akribie eines Ethnologen und der Nostalgie aller grauen Schläfen nicht nur gesammelt - vom Altersstufen-Bildchen über Pinocchio bis Fantomas, von der Faschisten-Hymne bis zum Doof-Schlager -, sondern auch fleißig analysiert. Das mag in Ecos Heimat interessant sein und die Erinnerung an die gute alte Zeit der Schmonzette und die zugleich böse alte Zeit Mussolinis anstacheln, Leser anderer Nationen erschöpft die Fülle unziemlich.<BR><BR>Erlöst wird man davon erst, als Bodoni erneut ins Koma fällt und in diesem Zustand seine Jugend wieder erlebt. Da kann sich der farbige Erzähler Umberto Eco ausleben. Die papierenen Zeugen der Vergangenheit werden zu Signalen am Wegesrand des kleinen Yambo, der zum Beispiel sieht, wie die jüdischen Nachbarn plötzlich die Straßen kehren müssen. Die Wirklichkeit wird plastisch: für den Komatösen - das Sterben wird zum zweiten Leben -, für den Leser und den Autor. Aber Eco will nicht nur die Geschichte einer Kindheit im Faschismus schreiben, er will auch über Bewusstseinszustände wie Wachen, Träumen, Fantasieren reflektieren ebenso wie über Tat oder Lesen, Anpassung oder Auflehnung, über virtuelles Sein obendrein. Und als Höhepunkt dieser philosophischen Komplexe steuert der Autor das Motiv der großen unerfüllten Liebe an. Und um nicht zu pathetisch zu wirken, integriert er die Lust am Kitsch: Die Sehnsucht des Pubertierenden nach der Schulkameradin Lila Saba versucht Umberto Eco zu vereinigen mit der kindlichen Begeisterung für die Schundheftl-Schönheit Loana und die allzu schwache Lebens-Haftung des aus dem Sein triftenden Antiquars. <BR><BR>Auch hier scheitert Eco an der Masse. Diese höchst schwierigen Themen in einem einzigen Roman künstlerisch mitreißend zu gestalten, dürfte aussichtslos sein. Auch Loana, "die Hüterin jener Flamme der Wiederauferstehung, die versteinerte Tote aus jeder noch so fernen Vergangenheit wieder ins Leben rufen kann", rettet da nichts mehr. Amalia, Hüterin von Brot, Kräutersauce und Kaninchen mit Rosmarin, wäre schon besser gewesen.</P><P>Umberto Eco: "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana". <BR>Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. Carl Hanser Verlag, München Wien, 505 Seiten mit vielen Abbildungen; 25,90 Euro.<BR></P><P><BR> </P>

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