Noten in Stein

- Umräum-Aktion in der Münchner Pinakothek der Moderne. Der allergrößte Teil der Kunst ab 1950 wurde ausgewechselt. So richtig schön runde Schwerpunkte ergeben sich, weil Kuratorin Corinna Thierolf in die eigenen Bestände und Erwerbungen Stücke aus der Sammlung Brandhorst integrieren konnte. Da ist die Minimal Art, ein wichtiger Akzent im Bereich der Staatsgemäldesammlungen; dann die Pop Art beziehungsweise Andy Warhol, der schon bisher gut vertreten war, sowie die Arte Povera, die jetzt mehr zum Zug kommt.Kunst ab 1950

<P>Ein Highlight hat man mit dem ultravioletten Licht-Raum von Dan Flavin obendrein zu bieten. Stephen Flavin hat der PDM diese Documenta-Arbeit von 1968 als Leihgabe überlassen. Der Besucher - vor allem alles, was weiß an ihm ist von den Zähnen bis zu den Pullover-Streifen - erhellt als bewegliches, reflektierendes Element des Kunstwerks dessen tiefblaue Nacht. Solche Überlegungen zu Lichteffekten sind heute noch so aktuell wie vor über 30 Jahren.</P><P>Da wirkt der Klassiker Andy Warhol schon gesetzter, wenn auch seine Serie von Drag Queens ("Ladies and Gentlemen", 1975) raffiniert das Wechselspiel von fröhlich bunten Farben, schriller Selbstinszenierung und melancholischen Augen einsetzt. Diese flackernde Wertigkeit führt die Hängung fort, indem sie Jesus beim Letzten Abendmahl, eine Leonardo-Paraphrase, mit Lenin konfrontiert. Klassisch auch Mario Merz und Jannis Kounellis (Arte Povera), die ihre Nachdenklichkeit aber nicht bunt und plakativ, sondern mit Ur-Formen des Menschen-Daseins, also mit Feuer, Stein, Eisen, Stoff, Behausung, formulieren. Witzig die Kombination von Kounellis' Gemälde mit Schriftzug plus Notenzeile (1964) mit seinem Stahlregal, in das er große, teils bemalte Kieselsteine wie Musiknoten setzte (1984).</P><P>Natürlich ist der aktuelle Groß-Künstler Gerhard Richter umfänglich vertreten. Eine Besonderheit dabei das ins Diffuse getauchte Gemälde der Warhol-Freundin Brigid Polk, die wie ein Aktmodell auf einer Kommode posiert (1971). Sehr viel stiller ist dagegen der "Ryoanji"-Zyklus: hauchfeine Zeichnungen rundlicher Formen, die John Cage, angeregt durch den Zen-Steingarten des Klosters Ryoanji, von 1984 bis '91 schuf. </P><P>Ergänzt wird die Neukonzeption durch kleine Ausstellungen mit Fotos von Andreas Gursky (1955 geboren) und William Eggleston (Jahrgang 1939), einer der Väter der Farbfotografie. Die Serie aus den 70ern führt die Trauer eines Edward Hopper weiter und hat sichtlich viele Künstler, auch Filmemacher, inspiriert. Gurskys Arbeiten daneben sind vergleichsweise riesig, aber ebenso präzise im Festhalten sozialer Befindlichkeiten, die nicht gerade fröhlich stimmen. Wo ist da noch der Unterschied zwischen Rindern in zahllosen Pferchen und den Börsianern, in Massen aufgereiht vor den Computern? Lebewesen kaserniert, Ordnung als Gefängnis.</P>

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