Notenständer explodieren nicht

- Auf einem berühmten Foto von Karl Valentin sitzt der Künstler auf den oberen Rängen des Berliner Olympiastadions, das Kinn auf den Griff seines Regenschirms gestützt, und blickt gedankenverloren in das leere Oval. Als wisse er, dass er und sein Schaffen im Grunde unverstanden bleiben. Andreas Ammer und Sebastian Hess nehmen dieses Bild mit ihrer Sprechoper "Heimspiel" wieder auf. Nur schicken sie Valentin ins Grünwalder Stadion.

<P>"Eigentlich sind wir ja für Weltuntergang und Krieg zuständig", lacht Andreas Ammer. "Kleinkunst ist nicht unser Fach." Und dann ein Stück über das Brettl-Genie Karl Valentin? Begeistert war der Regisseur nicht, als die Bayerische Staatsoper an ihn und seinen Partner, Komponist und Cellist Sebastian Hess, herantrat. Die beiden hatten beim Festspiel+ des vergangenen Jahres mit großem Erfolg das Leben Oskar Maria Grafs in die Sprechoper "Unser Oskar" verpackt. So etwas könnte man doch nochmal machen - warum nicht mit Valentin?</P><P>"Valentin und das Stadion waren am Ende Ruinen ruhmreicher Tage."<BR>Andreas Ammer</P><P>Ammer sagte zu, hatte aber eigene Vorstellungen: "Wenn Valentin, dann groß", lautete die Devise. "Heimspiel" war geboren _ die Idee, das Leben des Komikers und Filmpioniers, der am Ende verhungerte, mit dem Schicksal des Grünwalder Stadions zu verbinden, Valentin dem "Extremtest" zu unterwerfen: "Das Stück spielt da, wo auch er gespielt hat. Valentin ist vielleicht 300 Meter Luftlinie entfernt, in der Au, geboren worden. Er und das Stadion waren am Ende nur noch Ruinen ruhmreicher Tage." Das Stadion sei Bild seiner Seelenlandschaft, für sein versterbendes Lachen.</P><P>"Wir wollen Valentin nicht imitieren", betont Ammer, auch wenn einige von dessen Stücken in den biografischen Erzählstrang eingebaut seien. "Wir wollen ihn bekannt machen." Aber ist er nicht schon bekannt? "Dadurch, dass er alles medial übermittelt hat, denkt man heute bei allem, was man von ihm hört, die Figur mit. Die Kabarett-Ikone steht der Kunst seiner Texte, ihrer schwindelnden Tiefe, oft im Weg."</P><P>Also arbeitet Ammer mit Brechungen. Angefangen bei Hauptdarsteller Joseph Bierbichler, der so gar nicht das Körperformat des schlaksigen Hungerhakens hat. Auf Bierbichler wollte Ammer aber nicht verzichten. "Ich habe eine Besetzungscouch nach Fassbinder-Art. Da müssen die Leute schon wegsterben, damit sich was ändert." Michael Tregor spielt Liesl Karlstadt - "ein Mann, der eine Frau spielt, die oft einen Mann gespielt hat", betont Sebastian Hess.</P><P>Hess kommt aus der Klassik, hat sich aber bei Pop-Liebhabern einen Namen gemacht, als er im Jahr 2002 das hervorragende Album "Neon Golden" der Weilheimer Band "The Notwist" mit Streichern veredelte. Mit "Neon Golden" wird auch der Sound der Oper "Heimspiel" einiges gemein haben. "Das passt gut zum Chamäleonhaften in Karl Valentins Kunst", sagt Hess.</P><P>Der eigentlich "valentineske" Effekt ist, dass dieser Fußball hasste wie die Pest. Und in "Heimspiel" geht es natürlich auch um Fußball. Um den Aufstieg des Giesingers Franz Beckenbauer, der nicht zu den Löwen ging, und den Abstieg von Bayern-Spieler Adolf Kunstwadl, der nach der Niederlage gegen 1860 im Jahr 1965 nie mehr ein Bundesligaspiel machen durfte. "Das gefällt unserem Karl Valentin", sagt Andreas Ammer. Für die richtige Live-Atmosphäre sorgt kein Geringerer als Günther Koch, "die Edita Gruberova der Radio-Moderation" (Ammer). Die Premiere am Donnerstag wird live auf Bayern 2 übertragen.</P><P>Während der Produktion veränderte sich die Situation. "Als wir mit dem Projekt begonnen haben, hatte die Stadt noch Bedenken, weil das Stadion abgerissen werden sollte. Sie haben befürchtet, dass die Aufmerksamkeit zu sehr darauf gelenkt wird", erzählt Ammer. "Jetzt, wo die Löwen abgestiegen sind und wieder dort spielen, darf man dem heiligen Rasen nichts zu Leide tun." Bespielt wird praktisch das ganze Stadion, nur zwei Blöcke sind für Zuschauer reserviert. Größter Blickfang: Auf dem Spielfeld stehen 800 Notenständer. "Eigentlich wollten wir 3000 haben", erklärt Sebastian Hess. "Und wir wollten, dass am Ende ein paar davon explodieren." Aber da machte der Greenkeeper der Löwen nicht mit.</P>Donnerstag und Samstag, jeweils 21.30 Uhr, im Grünwalder Stadion. Karten unter Tel. 089/ 21 85 19 20.

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