Notizbuch Gottes

- Der Stierkampf ist sein Lebensthema. Der französische Fotograf und Filmer Lucien Clergue, Jahrgang 1934, wurde durch spektakuläre Fotos der Toreros bekannt. 1953 traf er Picasso, in den darauf folgenden Jahren fotografierte er ihn als Zuschauer in der Arena und verfilmte später dessen Arbeit. In der Arena traf Clergue vor einem Jahr auch Konrad Bernheimer. In dessen Münchner Galerie schildert er sein Faible für die Motive.

<P>Wie kam es zur Faszination durch den Stierkampf?<BR><BR>Clergue: Ich bin in Arles geboren: Dort spielt man als Kind Stierkampf in den Straßen, wie man in Brooklyn Baseball spielt. Man träumt davon, Stierkämpfer zu werden. Ich habe viel mitgeholfen, aber als Brillenträger war das kein Beruf für mich.<BR><BR>Der Stierkampf ist auch eine blutige und gewalttätige Sache. Haben Sie damit keine Probleme? <BR><BR>Clergue: Der Kampf ist blutig, aber nur für zehn Minuten. Es gibt viel schlimmere Dingen wie zum Beispiel Krieg. Früher, zu Goyas Zeiten, wurde das Schreckliche betont, heute ist es das Artistische. Der Stierkampf ist Teil der Zivilisation unseres Landes. Wenn es ihn nicht gäbe, würde diese spezielle Bullenart verschwinden.<BR><BR>Es gibt den Kampf nur in wenigen, südlichen Regionen. Spielen da nicht Klischees wie Machismo mit?<BR><BR>Clergue: Sie werden staunen: 1870 holte die Kaiserin Eugenie Stierkämpfe im großen Stil nach Paris, sie war begeistert. Es gibt eben nichts Vergleichbares: Wenn 600 Kilo Wildheit einem 60-Kilo-Mann gegenüber stehen, ist das nicht normal. Viele junge Männer hören wieder auf, weil es zu hart ist. Es ist eigentlich auch nicht verständlich, für wenig Geld sein Leben oder schlimme Verletzungen zu riskieren.<BR><BR>Wie ist es Ihnen gelungen, die Nahaufnahmen, Auge in Auge mit dem Stier, zu machen?<BR><BR>Clergue: In Südfrankreich war der Ring um die Arenen unten offen, ich lag am Boden. Ich war der Erste, der so fotografiert hat - heute ist das nicht mehr erlaubt.<BR><BR>Sie haben in der Arena auch Picasso kennen gelernt. <BR><BR>Clergue: Ja, aber wir hatten mehrere Verbindungen. Meine Heimatstadt wurde zerbombt, sieben Jahre nach Picassos Kriegsbild "Guernica". Picasso hatte also jemanden, der ihn verstanden hat. Ich möchte nicht sagen, dass ich ihn inspiriert habe. Aber es hat ihm geholfen, seine Position zu festigen. Picasso war ein großer Kenner der Stierkampfes und genoss die Atmosphäre. Ich habe versucht, ihn beim Beobachten zu fotografieren. Wir sind gemeinsam zu Kämpfen gegangen, ich habe ihm die Fotos geschickt. Er hat sie alle aufgehoben. Ich hatte mir von ihm eigentlich Kritik erwartet, bekam aber das größte Kompliment meines Lebens: Meine Fotos seien das Notizbuch Gottes.<BR><BR>Gibt es neue Blickwinkel, aus denen Sie nun das Thema bearbeiten?<BR><BR>Clergue: Natürlich. Ich habe Stierkämpfe aufgenommen und dann den Film vor Gemälden im Museum nochmals belichtet. Dabei wird die traditionelle Verbindung von Religion und Stierkampf klar, wie bisher nur auf Ex-Voto-Bildern und bei den Gebeten der Toreros.</P><P>Das Gespräch führte Freia Oliv<BR></P>

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