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"Coole große Brüder": The Notwist spielen im "Kafé Kult" einen Geheim-Gig

Notwist: Alt geworden, jung geblieben

München - Mit "Neon Golden" haben sie Bayern wieder auf die musikalische Landkarte gesetzt - am Dienstag gaben sich The Notwist aus Weilheim bei einem Geheim-Konzert in München die Ehre. Eine Kritik:

Dies ist ein Abend, an dem man sich entweder jung oder ein wenig alt fühlen kann. Jung, weil das Oberföhringer „Kafé Kult“ den Graffiti- Charme eines Jugendzentrums versprüht. Außerdem spürt man heute den exklusiven Kitzel, Zeuge eines Geheim-Auftritts zu sein, der rasend schnell ausverkauft war. 300 Leute treten sich auf die Füße, um „The Notwist“ aus Weilheim zu sehen, die allein mit ihrem Album „Neon Golden“ Bayern wieder auf die internationale Pop-Landkarte setzten.

The Notwist im "Kafé Kult"

Andererseits feiert die Popmusikzeitschrift „Intro“ heute ihr 20-jähriges Bestehen, „The Notwist“ haben auch schon 23 Jahre auf dem Buckel – und im Gedränge der überwiegend mittelalten Indierock-Fans fällt dann auch noch jemandem auf, dass „Neon Golden“ vor genau zehn Jahren erschienen ist. So lange ist das schon her? Unfassbar, wie die Zeit vergeht.

Ein Glück, dass „The Notwist“ immer noch frisch klingen – weil hier nämlich nicht nur Gitarren auf Computer-Sounds treffen, sondern weil hier noch viel mehr im Spiel ist: freier Jazz, Krautrock, flächig rauschender Lärm – und purer, zarter Pop. Und all das von einer Band, die immer noch aussieht, als hätte man sie vom WG-Küchentisch weg gecastet. Sänger Markus Acher und Computer-Fex Martin Gretschmann („Console“) wirken in schlabberigen T-Shirts und mit wirren Haaren wie coole ältere Brüder – der Rest des Sextetts (darunter Acher-Bruder Micha am Bass) werkelt konzentriert im Hintergrund.

Und obwohl sie anspruchsvolle Popmusik machen, klingen sie nie verkünstelt. Markus Acher ist immer noch sympathisch wortkarg. Nach dem ersten Song murmelt er: „Grüß Gott, und schon ist die erste Saite gerissen“ – danach nur noch sein berühmtes „vielen, vielen Dank“. Das Publikum feiert – vor allem Hits wie „One With The Freaks“, „Chemicals“ oder eben „Neon Golden“, das in ein beschwingtes Disco-Ende mündet. Bleibt als Fazit: Wir sind alle alt geworden – aber zumindest „The Notwist“ sind dabei jung geblieben.

Johannes Löhr

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