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Wieder auf Spur: Die Band The Notwist, (v. li.) Martin „Console“ Gretschmann, Markus Acher und Micha Acher.

Neues Album nach sechs Jahren

Notwist: "So ähnlich wie Picasso"

Weilheim - Die weltweit gefeierte Band The Notwist aus Weilheim meldet sich mit einem neuen Album zurück. Wir sprachen mit Sänger Markus Acher.

Zum zweiten Mal schon hat die Band The Notwist sechs Jahre für ein Album gebraucht – jetzt ist „Close To The Glass“ endlich fertig. Die gebürtigen Weilheimer und international gefeierten Klangbastler haben damit ein vielseitiges Meisterwerk geschaffen. In seinem Münchner Stammlokal „Baader-Café“ erzählt Sänger und Texter Markus Acher von Krisen, der Lust am Ideen-Klau und politischer Musik.

Sechs Jahre sind schon wieder vergangen seit dem letzten Notwist-Album. Warum dauert’s denn immer so lang?

Das soll es ja nicht. Aber man tourt nach einem Album zwei Jahre und macht dann alle möglichen anderen Sachen – Filmmusiken, Hörspiele, Theaterstücke, Bandprojekte. Dann nimmt man wieder zwei Jahre lang ein neues Album auf – alles dauert immer viel länger, als wir eigentlich wollen.

Ist es nicht verblüffend, wie sehr Sie vermisst werden? Die internationale Presse überschlägt sich, das Internet kocht... Andere Bands wären in der Zeit weg vom Fenster.

Wir sind auf jeden Fall positiv überrascht. Auch davon, dass der Zuspruch im Ausland nicht abgeflaut ist.

Ist Notwist für Sie nur eines von vielen Projekten – oder das Mutterschiff?

Notwist bekommt am meisten Resonanz – was auch finanziell gut für uns ist, weil wir davon unsere Familien ernähren können. Aber die anderen Projekte sind uns musikalisch und persönlich genauso wichtig.

Das bedeutet aber nicht, dass eine neue Notwist-Platte immer nur erscheint, damit der Schornstein wieder raucht?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben extrem Lust darauf gekriegt, weil das Live-Spielen mit unseren drei neuen Band-Mitgliedern so viel Spaß macht. Dabei haben wir auch neue Ideen bekommen. Generell ist ja die Frage: Warum nimmt man eine Platte auf? Viele Bands kommen in ein Stadium, in dem sie sagen: Wir müssen. In so eine Situation wollen wir nicht kommen. Wir versuchen, etwas zu sagen.

Sie waren zwei Jahre im Studio, haben Klänge aufgenommen und aufgeschichtet – aber man hört der Platte das nicht an. Sie klingt sehr transparent, fast luftig. Haben Sie die ganzen Schichten wie Bildhauer wieder abgetragen?

So in etwa, ja. Es gibt doch diesen Picasso-Film, in dem man ihn immer mehr Schichten auf die Leinwand malen sieht. Dann nimmt er immer mehr weg, bis nur noch sehr einfache Strukturen zu sehen sind. So ähnlich ist es bei uns auch – ohne dass ich uns mit Picasso vergleichen will. (Schmunzelt.) Wir probieren viel aus, wollen aber für die Stücke nur das haben, was wichtig ist.

Hat sich mit den neuen Bandmitgliedern auch Ihr Songwriting verändert?

Rein kompositorisch sind es nach wie vor Micha, Martin und ich. Aber am Entstehungsprozess waren auch die anderen maßgeblich beteiligt. Gerade an unserer Single „Kong“. Die haben wir im Probenraum eingespielt, ein richtiges Band-Stück. Doch es gibt auch andere, etwa die ersten beiden auf der Platte, die entstanden nach und nach, oft aus Zufällen oder improvisiertem Zeug. Irgendwas klingt kurz ganz komisch – das nehmen wir dann auf. Es gibt bei uns keine typische Herangehensweise, es ist ein Durcheinander.

Trotz der Vielseitigkeit klingt „Close To The Glass“ wie aus einem Guss.

Dabei war das schwierig. Ungefähr zur Mitte der Aufnahmen dachten wir: Das passt alles gar nicht zusammen. Jedes Lied für sich hat uns Spaß gemacht, aber wir hatten keine Idee, wie wir das verbinden können. Irgendwann haben wir das Lied „Run, Run Run“ arrangiert – ein in sich sehr collagenartiges Stück, in dem Teile sich abwechseln, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Das hat musikalisch so funktioniert, dass wir das Prinzip auf die ganze Platte ausgeweitet haben. Harte Schnitte, ein Nebeneinander von Fragmenten. Das Gesamtbild ist ein Puzzle aus vielen Teilen.

Ihre Stimme ist das Element, mit dem man Notwist immer identifizieren kann: dieser melancholische, doch euphorische Sound.

Seltsam: Ich fühle mich nicht wirklich als Sänger. Noch bevor die Band Notwist hieß, hatten wir einen Sänger. Und ich hatte Ideen für den Gesang, die ich ihm erklärt habe. Als der Sänger nicht mehr da war, habe ich meine Ideen eben selbst umgesetzt. Aber ich fühle mich nicht berufen, den Leuten was vorzusingen.

Wie geht man als introvertierter Mensch wie Sie damit um, eine „öffentliche Stimme“ zu haben?

Ich habe mich inzwischen damit angefreundet. Notwist sind generell keine extrovertierte Band. Wir sind keine abgebrühten Performer, die ihr Programm abspulen und dann nach Hause gehen. Wir versuchen, zu untergraben, dass wir allzu routiniert werden in dem, was wir machen.

Man findet auf dem Album unzählige Einflüsse – von Avantgardist Steve Reich bis zu den Rolling Stones. Haben Sie Spaß am Spiel mit Versatzstücken?

Extrem. Wir sind in erster Linie Musik-Fans. Diesen Schöpfer-Mythos finde ich ganz furchtbar – der Künstler, der alles aus sich heraus erschafft. Man klaut sich halt alles zusammen. Es ist wohl ein Privileg des Alters, dass wir davor keinen Respekt mehr haben.

Sie sind keine ausgesprochen politische Band. Trotzdem hat die Platte mitunter einen bedrohlichen Unterton. Haben Sie feine Sensoren für gesellschaftliche Stimmungen?

Ich glaube schon, dass sich da etwas niederschlägt. Wir kommen ursprünglich aus der Hardcore-Punk-Szene, und die ist sehr politisch. Wir tragen das nach wie vor in uns. Aber wir machen keine politische Musik – wir machen politisch Musik. Es geht darum, welche Entscheidungen man trifft, um künstlerisch unabhängig zu bleiben. Je mehr man von Geldgebern und Konzernen gefüttert wird, desto schwieriger wird das.

Das Münchner Gärtnerplatzviertel, in dem Sie wohnen, ist fast unbezahlbar geworden. Handelt der Song „Casino“ auch davon? Sie singen da: „One room for both of us is not available.“

Das habe ich tatsächlich darauf bezogen. An der Klenzestraße ist ein Spielcasino, da stand ein Pärchen rauchend in der Tür, als ich vorbeifuhr. Ich dachte mir: Die beiden könnten hier nicht leben – außer in diesem Casino. Einkommensschwache Menschen werden aus dem Viertel gnadenlos raus gentrifiziert. Ich und meine Familie können hier nur leben, weil wir nette Vermieter haben. Gleich neben uns sanieren sie ein Haus, da kommt ein Schwimmbad aufs Dach.

Derzeit protestieren immer öfter Prominente gegen Immobilien-Spekulation. Würden Sie das auch? „Notwist spielen gegen den Münchner Mietwahnsinn“?

Ich würde da wahrscheinlich mitmachen. Notwist als Band wäre wohl zu aufwändig. Aber einige Freunde, mein Bruder Micha und ich haben eine Hochzeitsband – nur wir, ohne Verstärker.

Was planen Sie als nächstes?

Erst mal viel Tour. Micha und ich schreiben unter anderem die Musik für eine Inszenierung des Sartre-Stücks „Das Spiel ist aus“ in Berlin, das am 27. März Premiere hat. Aber dann wollen wir gleich wieder bei Notwist dranbleiben und Stücke aufnehmen.

Wir dürfen also hoffen, dass es diesmal keine sechs Jahre dauert?

Ja. Wir haben ausgerechnet, dass wir, wenn wir so weitermachen würden, bei der übernächsten Platte 60 Jahre alt wären. Das fühlt sich doch komisch an.

Das Gespräch führte Johannes Löhr.

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