Nüchterner Zeitzeuge

- Alan Bullock sah seinem bevorzugten Studienobjekt lange sehr ähnlich - und das ist nicht unbedingt wünschenswert, wenn man Hitler-Experte ist. Der englische Historiker musste sich in den 50er-Jahren wegen seines schwarzen Bärtchens und des kurzen Haarschnitts mit Stirnlocke viele Witze gefallen lassen. Was er schlimmer fand: "Meine Frau behauptet, dass ich auch im Charakter Hitler zu ähneln beginne." Diese Selbstironie war typisch für den hoch geehrten Dozenten, der am Montag mit 89 Jahren in einem Pflegeheim in der südenglischen Grafschaft Oxfordshire gestorben ist.

Der später geadelte Gärtnerssohn begann sein Geschichtsstudium in Oxford im Jahre 1933, als Hitler an die Macht kam: "Mir wurde klar, dass es zu einem Krieg kommen würde." Als Asthmatiker blieb er vom Kriegsdienst verschont. Stattdessen baute er von 1940 bis 1945 den europäischen Dienst der BBC mit auf, um das besetzte Europa über Hitlers Verbrechen aufzuklären. "Als der Krieg dann vorbei war, kehrte ich ins akademische Leben zurück - wie so viele. Wir wollten herausfinden, wie und warum es zu alledem gekommen war."<BR><BR>Als einer der ersten Historiker arbeitete sich Bullock durch die Aktenberge der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse. Daraus entstand 1952 die erste große Hitler-Biografie überhaupt. Mit einem Schlag wurde er bekannt: "1952 war mein Wunderjahr", erinnerte er sich später. "Es war das Jahr, in dem mein Sohn sich von einer Kinderlähmung erholte, meine Hitler-Biografie erschien und ich meine Führerscheinprüfung bestand."<BR><BR>Im Rückblick imponiert vor allem, wie nüchtern sich der Zeitzeuge nur sieben Jahre nach Kriegsende mit seinem Thema auseinander setzte. Überholt ist allerdings seine These, wonach Hitler einzig von persönlicher Machtlust getrieben wurde. Heute gilt Hitler trotz aller taktischen Spiele und Seitenwechsel als Ideologe, der konsequent sein in "Mein Kampf" dargelegtes Programm ausführte: nicht nur aus Machtinteresse, sondern aus voller Überzeugung.<BR><BR>Das sah Bullock später selbst so, weshalb er sein Werk 1964 überarbeitete. 1991 legte er dann abermals einen dicken Hitler-Band vor. Diesmal verglich er den deutschen Diktator mit Stalin ("Hitler und Stalin - Parallele Leben"). Wer war der Schlimmere von beiden? Stalin ließ noch mehr Menschen ermorden, schreibt Bullock, doch im Gegensatz zu Hitler tat er dies aus Kalkül zur Sicherung seiner Macht. Der Holocaust dagegen war für Hitler "nicht Mittel zum Zweck, sondern Zweck an sich".

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