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Mit bestechender Authentizität und analytischer Kraft: Joana Mallwitz.

Großer Erfolg bei Kritikerumfrage

Sie gibt den Takt vor: Joana Mallwitz zum “Dirigent des Jahres“ gewählt

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Wie denn das sein könne? So war ihre erste Reaktion auf die Frohbotschaft: Dirigent des Jahres, dieser Titel sei doch nur prominenten, älteren Kollegen vorbehalten! Nun ist es ein bisschen anders gekommen.

Es ist eine Dirigentin, die an der Spitze landete, und sie ist 33 Jahre jung. Prominent ist Joana Mallwitz allerdings schon, spätestens seit sie zu Beginn der vergangenen Saison als Generalmusikdirektorin ans Staatstheater Nürnberg kam.

Zwei überregional gefeierte Premieren hat die gebürtige Hildesheimerin dort herausgebracht, Prokofjews „Krieg und Frieden“ und Wagners „Lohengrin“, zwei ziemliche Brocken also. Auch deshalb wurde sie in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ nach vorn gewählt. Nürnberg klingt anders, seitdem Joana Mallwitz dort im Graben oder auf dem Podium der symphonischen Konzerte steht. So anders, als habe man das Orchester ausgetauscht. Die Musiker sind Wachs in ihren Händen (die Zuhörer übrigens auch) – und dies nicht, weil Joana Mallwitz mit Freundlichkeiten und Effektvollem um Anerkennung und Aufmerksamkeit buhlt. Bestechend ist anderes: ihre Authentizität, ihr Handwerk, ihre analytische Kraft und die dafür erforderliche, immense Vorbereitungsarbeit. „Leicht werde ich es mir wohl nie machen“, stöhnt sie darauf angesprochen im Gespräch.

Chefin um des Chefseins willen, das brauche sie gar nicht. „Ich bin froh, weil in Nürnberg die Gesamtkonstellation stimmt. Viel entscheidender ist, dass es passt und man das Gefühl hat, an diesem Ort wirklich etwas bewirken zu können.“ Und dies hat, wie kürzlich geschehen, auch mit Außermusikalischem zu tun. Staatstheater, das klingt ruhmreich, bedeutungsvoll und reich. Letzteres stimmt gerade nicht. Joana Mallwitz würde es nie so ausdrücken, aber: Der Titel scheint ein kleiner Etikettenschwindel – weil er durch die entsprechende finanzielle und personelle Ausstattung nicht eingelöst wird.

In der nächsten Spielzeit gibt es Verdi und Britten

Sie sagt dazu: „Alle an diesem Haus opfern sich total auf, das ist imponierend und wunderbar. Auf Dauer lässt sich damit aber die Qualität nicht halten.“ Es gebe zu wenige Sänger und Musiker. Doch immerhin: Vor einigen Wochen war sie mit Intendant Jens-Daniel Herzog im Münchner Kunstministerium. Und die Gespräche waren offenbar nicht folgenlos. Es gebe „erfreulicherweise positive Signale aus der Politik“ – sowohl vom Freistaat als auch von der Stadt Nürnberg.

Solche Fragen treiben Joana Mallwitz schon lange um. Die finanziellen Zwänge an einem Opernhaus musste sie kennenlernen und erdulden, als sie als Korrepetitorin in Heidelberg startete. Von morgens bis spät abends war sie im Haus, wurde in Vorstellungen förmlich hineingeworfen: „Man bereitete alles vor, lernte alles, dirigierte alles – ein enormer Stress. Jetzt erst merke ich, auf wie viel ich zurückgreifen kann. Damals war ich einfach fertig, ich hätte das nicht lange durchhalten können.“

Doch Joana Mallwitz ging sogar einen Schritt weiter und wurde Generalmusikdirektorin in Erfurt. Eigentlich wollte sie sich danach eine Zeit als freie Dirigentin gönnen – doch Nürnberg rief. Und mittlerweile rufen viele andere. An der Frankfurter Oper ist sie regelmäßig präsent (ab März mit einer neuen „Salome“ in der Regie von Barrie Kosky), ebenso in München. Hier hat sie Tschaikowskys „Eugen Onegin“ dirigiert und bei den vergangenen Festspielen Donizettis „Liebestrank“.

Über fünf Jahre geht der Vertrag von Joana Mallwitz in Nürnberg. Schon jetzt laufen Wetten, welches größere Haus danach das Rennen um die Dirigentin gewinnt. In der kommenden Spielzeit dirigiert sie in Nürnberg erst einmal die Premieren von Verdis „Don Carlos“ und Brittens „Peter Grimes“. Wieder Schwergewichte also, für die übernächste Spielzeit ist der nächste Wagner projektiert. „Tristan und Isolde“ wird das keinesfalls werden.

Zu diesem Drama pflegt Mallwitz nämlich ein besonderes Verhältnis: Es gab ein halbes Jahr, in dem saß sie Tag und Nacht am Klavierauszug, konnte nicht aufhören zu spielen. Ständig ist sie zu Proben und Aufführungen an andere Häuser gepilgert. Einen Weg, sich mit dem „Tristan“ in einer eigenen Aufführung auseinanderzusetzen, den müsse sie erst finden. „Es ist ein giftiges Stück. Als ob man eine extrem charmante, aber destruktive Person kennenlernt.“

Die Ergebnisse der „Opernwelt“-Umfrage im Überblick

„Opernhaus des Jahres“ ist heuer die Opéra national du Rhin, wie die Umfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ unter 50 Musikkritikern in Europa und den USA ergab. Gewürdigt wird das Haus mit Spielstätten in Strasbourg, Colmar und Mulhouse, das sich als „Opéra d’Europe“ versteht und durch Entdeckerfreude, originelle Programme, vorbildliche Repertoirepflege sowie kreativen Esprit Aufsehen erregt, so das Urteil.

Zur „Aufführung des Jahres“ wurde die „Salome“ der Salzburger Festspiele gewählt. Für die Inszenierung der Richard-Strauss-Oper sorgte Romeo Castellucci, der auch zum „Regisseur des Jahres“ sowie zum „Bühnenbildner des Jahres“ gewählt wurde. Auf Asmik Grigorian entfiel dank ihrer spektakulären Verkörperung der Titelpartie eine Rekordanzahl von Stimmen: Die litauische Sopranistin ist mit 24 Voten die „Sängerin des Jahres“.

Zum „Orchester des Jahres“ wurde – zum achten Mal – das Bayerische Staatsorchester gewählt. Die Kür bestätige nicht zuletzt die konstant herausragende Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Kirill Petrenko, teilte die „Opernwelt“ mit.

Für die „Wiederentdeckung des Jahres“ sorgte das Theater Osnabrück: Mit „Guercoeur“ (1901), einem zwischen Grand Opéra und Mysterienspiel oszillierenden Stück des französischen Komponisten Albéric Magnard.

Die „Uraufführung des Jahres“ fand am Teatro alla Scala in Mailand statt: „Fin de Partie“ von György Kurtág.

„Kostümbildnerin des Jahres“ ist Ursula Kudrna, die nicht nur mit Märchen- und Zirkuskleidern für Mozarts „Zauberflöte“ bei den Salzburger Festspielen, sondern auch mit durch Pieter Bruegel inspirierten Gestalten in Beat Furrers „Violetter Schnee“ an der Berliner Staatsoper überzeugte.

„Chor des Jahres“ darf sich zum zwölften Mal der Chor der Staatsoper Stuttgart nennen. „Nachwuchskünstlerin des Jahres“ ist die norwegische Sopranistin Lise Davidsen.

Die „CD des Jahres“ hat die französische Sopranistin Jodie Devos mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Laurent Campellone eingespielt: „Offenbach Colorature“ (Alpha).

Als „Ärgernis des Jahres“ stieß den befragten Kritikern vor allem der Machtkampf um die Zukunft der Oper Halle auf.

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