Nullpunkt der Malerei

- Frank Stella sitzt auf den hellsonnigen Stufen vorm Münchner Haus der Kunst und blättert im Katalog zu seiner Ausstellung mit dem in diesem Moment so konträr erscheinenden Titel "Black Paintings". Ein schöner, ausdrucksstarker, fast schon metaphorischer Anblick für das, was die Schau im östlichen Hufeisen des Museums anhand vierer hochkarätiger Künstler des Abstrakten Expressionismus der New Yorker Nachkriegszeit verdeutlicht und auslöst: Das gemalte Schwarz bedeutet nicht (bloß) den Nullpunkt der Malerei, das Ende, die Dunkelheit, den Tod.

"Schwarz ist eine Farbe", formulierte Henri Matisse. Auch durch sie dringt das Licht, das wir allgemein für das Sehen voraussetzen, mehr noch: Schwarz kann zu einem neuen Sehen führen. Trotzdem ist diese Stimmung der New Yorker Umbruchszeit museal bisher vernachlässigt worden. Das Haus der Kunst widmet den Black Paintings erstmals ein eigenes geschlossenes Porträt.

Robert Rauschenberg, Ad Reinhardt, Mark Rothko und Frank Stella sind die vier Namen, welchen die Kuratorin Stephanie Rosenthal aufgrund der Intensität ihrer schwarzen Werkserien jeweils einen Saal gewidmet hat. Dabei rahmen die Jüngeren, Rauschenberg und Stella, deren künstlerischer Motor eher spontane, experimentelle Ausbruchsversuche gewesen sein mögen, die sorgfältig, subtil und geometrisch zwischen Braun-, Blau-, Grüntönen changierenden schwarzen "Blackform Paintings" der Älteren, Mark Rothko (1903-1970) und Ad Reinhardt (1913-1967). Reinhardt ist hier auch mit der Cartoon- Serie "How to look at..." vertreten, in der er sich mit der (selbst-)ironischen Definition von großen Schlagwörtern wie "Künstler", "Moderne Kunst" oder auch "Sehen" beschäftigte.

Als erweiternder Beitrag: ein avantgardistischer Kunstfilm Francis Thompsons. "Die Erfahrung gehört dem Betrachter", sagt der heute siebzigjährige Frank Stella. "Das Sehen ist wichtig, dann ereignet sich die Bedeutung." Stellas Öl- und Email-Rechtecke bewegen sich fast alle um feine, durchbrochene Strichformationen, aus deren Zwillingsgassen sich abstrakte Symbole lesen lassen und die oft erstaunlich konkrete Titel besitzen wie "Die Fahne Hoch!". "Hallelujah!", dichtete John Cage dieser Jahre, "The blind can see again", und pries die unerschöpflchen, einfachen und gerechten Möglichkeiten des neuen Dunkels.

Rauschenbergs Werke verdeutlichen diese Vielheit des Schwarz neben dem Bruch durch das Weiß auch in ihrer monochromen Dreidimensionalität: Oberflächenstrukturen, die Richtungen fordern, Formationen weisen, sogar Licht reflektieren. Allen vier Künstlern gemein ist eine erstaunliche Macht- und Sympathieumkehrung: Welcher farbige Fremdkörper es auch sei, ein durchschimmerndes Braun oder ein aufglimmendes Weiß, oft erweckt er den Anschein, als Unbefugter in das schwarze Hoheitsgebiet eindringen, es gar erobern zu wollen.

Bis 14. Januar 2007. Mo.-So. 10-20 Uhr, Do. 10-22 Uhr. Info: 089/ 21 12 71 13; www.hausderkunst.de. Der Katalog kostet 45 Euro.

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