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Voller Energie im gleißenden Bühnenlicht : „Nutcracker reloaded“.

Premierenkritik

Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Dem großen Publikum dürfte Choreograf Fredrik Rydman vor allem durch seine spektakulären Einlagen für den Eurovision Song Contest 2016 in Stockholm bekannt sein. Doch Münchens Tanzfans hatten den Schweden damals natürlich schon längst auf dem Schirm, der einst im Deutschen Theater mit „Insane in the Brain“ einen fulminanten Einstand feierte und später mit seinem modern interpretierten „Swanlake“ erneut das Publikum begeisterte. Und wenn sich schon das Staatsballett zu Weihnachten dem obligatorischen „Nussknacker“ verweigerte, lässt sich diese Tradition jetzt dankenswerterweise im Haus an der Schwanthalerstraße nachholen – wenn auch etwas anders als gewohnt.

Gemeinsam mit seiner vor Energie geradezu überschäumenden Streetdance-Truppe hat Rydman dem nun als „Nutcracker reloaded“ präsentierten Klassiker eine ordentliche Frischzellenkur verabreicht und ihn mit seiner ganz eigenen Bewegungssprache sowie einer wilden Musikcollage ins Heute übersetzt. Vom rührseligen Märchen mit Tutu-Seligkeit bleibt da nur wenig. Hauptfigur Clara lebt jetzt auf einer Müllhalde, während die Eltern auf der Straße betteln müssen. Selbst der gütige Onkel Drosselmeyer verwandelt sich in einen finsteren Organhändler, der Claras Herz an eine reiche Patientin verkaufen möchte.

Da bleibt als einziger Lichtblick nur die bunte Fantasiewelt, in die sich Clara, benebelt vom Klebstoff-Schnüffeln, flüchtet. Verpackt in mitreißend zackigen Moves und garniert mit teilweise geradezu akrobatisch anmutenden Einlagen erzählt Rydman seine Geschichte schonungslos ehrlich, gleichzeitig aber auch mit einer unglaublichen Poesie, der man sich nur schwer entziehen kann.

Bei aller Tragik kommt der Humor nicht zu kurz – zum Glück. Dafür sorgt allein der tollpatschige Erzähler Jören Thorson, der mit charmant schwedischem Akzent durch die Handlung führt, oder besser: stolpert, den Tänzern dabei manchmal auch an unpassendster Stelle dazwischenfunkt und zum Amüsement des Publikums kaum ein Fettnäpfchen auslässt. Skurril komische Bilder findet der Choreograf vor allem für Claras Träume, in denen die klassischen Märchenfeen und -prinzen unter anderem von einem furios über die Bühne wirbelnden Breakdance-Super-Mario und einem herrlich schmalzenden Justin-Bieber-Verschnitt abgelöst werden. Kongenial ergänzt durch die von Andres Skärberg, Pixelfield und David Nordström entworfenen und virtuos eingesetzten Videoprojektionen, die den Zuschauer bereits in der von verfremdeten Tschaikowsky-Klängen untermalten Eröffnungssequenz förmlich in die Geschichte hineinsaugen. Sie sind derart exakt mit den geschmeidigen Bewegungen der Tänzer synchronisiert, dass man angesichts dieser Präzision und Körperbeherrschung nur ehrfürchtig den Hut ziehen kann. Einzelne Namen herauszugreifen scheint bei dieser beeindruckenden Ensembleleistung fast schon unfair. Handelt es sich doch eigentlich um zwölf Solisten, die den Abend gemeinsam tragen.

Den Fokus auf sich zieht neben Daniel Koivunens ausdrucksstarkem Drosselmeyer vor allem Ellen Lindblad als Clara. Kraftvoll und anmutig zugleich wirft sie sich im wahrsten Sinne des Wortes in ihre Rolle. Wobei sie im Pas de deux mit Simon Rydéns elegantem Nussknacker-Prinzen selbst ohne Spitzenschuh zeigen darf, dass beide auch in der klassischen Technik keineswegs unbewandert sind. Da wird zum versöhnlichen Ende doch noch zumindest kurz Petipa und Iwanow zitiert, ehe die anschließende Raveparty im Tutu die Zuschauer endgültig von den Stühlen reißt.

Tobias Hell

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