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Bayern heißt für Oansno Freundschaft: Franz, Michi, Philip und Menya (v.li.) sorgen seit vier Jahren für unverwechselbare Münchner Klänge – alles in bairischer Mundart.

Oansno: ein Porträt

Diese Münchner Band mischt die Botschaft in Prag auf

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Ska, Balkanbeats und Reggae: das ist Oansno. Wieso die Münchner Band in der deutschen Botschaft in Prag für einen zweiten historischen Moment nach 1989 sorgt und es im Hofbräuhaus die Biermarke „Becks“ abbekommt. 

Im September 1989 verkündete Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag – Stichwort: Ausreise – den Anfang vom Ende der DDR. 29 Jahre später, im Juni 2018, stehen vier Männer in Lederhose unter diesem Balkon und singen davon, dass die Brücke des Freisinger Bischofs brennt. Beide Male gibt es kein Halten bei den Menschen auf dem Botschaftsgelände. Zwei Tage voller Jubel.

Der Tag im Juni, ein Donnerstag, ist für Menya, Michi, Philip und Franz ihr erster Auftritt im nicht-deutschsprachigen Raum – wenn auch auf deutschem Boden. Ihre Nachnamen wollen sie nicht verraten, niemandem. Alle vier zusammen sind Oansno. Oansno ist eine bayerische Blasmusikband aus München. 

Mit gewissermaßen politischem Auftrag: Seit vier Jahren, seit es sie gibt, ist die Gruppe Botschafter bajuwarischer Prosa. Mit clubtauglichen Beats aus Blas- und Balkanmusik, die schon mal, wenn es so richtig fetzen soll, in den Techno driftet. Wer Oansno hört, muss sich bewegen! Schnell. Direkt. Markant. Am besten ohne Strom, ohne „Zusatzstoffe“.

Für einen Personenschützer ist Oansno die beste „Teambuilding-Maßnahme“

Zu ihren Auftritten reisen die vier am liebsten mit öffentlichen Verkehrsmitteln: CO2-neutral. Ihre Trommel mit einem aufgemalten roten Bierfilzl schieben die Burschn auf einem Wagerl durch die Gegend. Auch in Prag rollen sie damit – und mit Trompete, Tuba und Quetschn auf das Botschaftsgelände. 

Ihr Auftritt soll Bayern nach Prag bringen. Das Gefühl von der reißenden Isar,  dem  kalten Bier und der mittelalterlichen Stadtgründungsgeschichte Münchens, als der Herzog von Bayern und der Bischof von Freising Ärger miteinander hatten – und  am Ende die alte Brücke über die Isar brannte.

Nach dem Konzert sagt ein Personenschützer, dass er so etwas noch nie erlebt habe, dass der Tag eine noch nie da gewesene „Teambuilding-Maßnahme“ gewesen sei. Alle tanzten. Personal, Besucher, Bayern, andere Deutsche, Tschechen. Einige der Angestellten sind am Anfang kurz verschwunden. Minuten später kommen sie wieder. Alle in Dirndl und Lederhose. „Geduzt haben wir einfach alle“, sagt Michi. „Auch den Botschafter.“ 

Das kam an. Er ist Oberbayer. Dass die Tschechen die bairischen Texte der Burschn besser verstanden haben als die norddeutschen Mitarbeiter, darüber kann sich Michi heute noch wegwerfen. Grenzen verschwanden. Ein zweites Mal nach 1989.

Der Exot kommt aus Niederbayern

Nun im Herbst sitzen Menya, Michi, Philip und Franz in einer Zigarettenrauch- und E-Zigaretten-Dampfwolke auf dem Balkon des Hofbräuhauses in München. Auch ihr Alter wollen sie nicht verraten. Sie wissen selber nicht, wie alt die anderen sind. Sagen sie. Müsste man sie schätzen: vielleicht irgendetwas über 30. Im Ur-Wirtshaus Münchens hat alles begonnen: 2014 beim Musikantenstammtisch. Michi, Halbgrieche, dunkelbraune, zerzauste Haare, Münchner Kindl mit unbeugsamer Liebe zu Bayern  und Bairisch trifft damals Menya und Philip. Heute ist Michi Sänger und Chef der Quetschn von Oansno. 

Menya studierte Trompete in Budapest und München, spielte mit den Symphonikern und im Bayerischen Staatsorchester. Philip, Tiroler mit afrikanischen Wurzeln, Drummer, Rapper, ist mit seinen springenden, schwarzen Locken Frisurenkönig. Franz kam vor zwei Jahren mit seiner Tuba zu Oansno. Er sei der Exot in der Gruppe: blonder Bart, Niederbayer.

Ska, Balkanbeats und Reggae

Dann pressiert es. Als eine von fünf Bands soll Oansno an diesem Abend im historischen Festsaal mehr als 500 Menschen beim Hofbräuhaus-Festival zum Hüpfen bringen. Wie immer: Sie schaffen es. Wild wie die Isar ab dem ersten Akkord. Die Dirndl fliegen über den Tanzboden, die Ledernen der Männer grooven im Stroboskop zum Musikantentechno. 

Die Lieder: Ska, Balkanbeats und Reggae. Sie reichen von einfachen, sich wiederholenden Rhythmen wie in „Oane no“, was übersetzt heißt: „noch ein Bier“. Apropos: Ihren Namen verdanken sie einem Wirtshausbesuch mit Michis Onkel Werner. Er habe gesagt: „Oane, maon i, back i no.“ („Ein Bier pack’ ich noch.“) Und zack, der Bandname Oansno stand fest. Zurück zur Qualität: nicht dumpf, eher durchdacht. 

In „500 Jahr“ besingt Oansno das Reinheitsgebot mit textlicher und musikalischer Raffinesse. Dafür wurden sie mit dem Fraunhofer Volksmusikpreis ausgezeichnet, gewannen den Hofbräuhaus- Gstanzlslam und konnten in diesem Jahr ihr erstes Album auf den Markt bringen.

Hofbräuhaus: Hommage an das regionale Bier- Wutrede gegen „Becks“

Im Festsaal des Hofbräuhauses wackeln die bemalten Holzlatten an der Decke. 45 Minuten dauert die weiß-blaue Achterbahnfahrt von Oansno in Lederhose und Sneakers durch Europa. Eine Hommage an das regionale Bier in einer Balkan-Discoversion. Es ist eine Wutrede gegen „Becks“. Danach erzählt Michi, dass „Becks“ das Symbol für vieles sei. Für große Konzerne, die Afrika ausbeuten und die Umwelt belasten. 

Oansno will ein Gegenkonzept sein. Gereist werde mit Zügen, sagt Menya. Ökologisch wollen sie sein, keinesfalls ideologisch. Lieber Obazdn aus Biokäs als Sushi. Oansno ist die Bioband unter den Bands: „Einen Grünen-Wähler gibt es bei uns eher nicht“, sagen sie und lachen. Wie wichtig Bier ist? Bayerisches – ist sehr wichtig!

In Hessen lief Philip nach dem Konzert knapp eine Stunde zu einer Tankstelle, um Augustiner zu kaufen. Kein Wunder, dass „500 Jahr“ offizieller Song der Landesausstellung 2016 war. Dann raucht und dampft es wieder am Biertisch auf dem Balkon im Hofbräuhaus. Und das Bier fließt.

Oansno: „Oansno“ (Sony).

Konzerte: Oansno spielen am 23. November im „Gasthaus zum Bräu“ in Garching an der Alz und am 17. Dezember auf dem Tollwood Festival in München; weitere Termine unter www.oansno.de.

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