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Oberammergau von Ilija Trojanow mit einem Text von Richard Burton über die Passionsspiele 1880.

„Oberammergau ohne Brimborium“

Oberammergau - Die Auferstehung wurde einen Tag vorverlegt. Sonst hätte Christian Stückl, Leiter der Passionsspiele, proben müssen – und in München kein Buch vorstellen können.

Doch weil man mit der Gestaltung des Probenplans flexibel ist, erlebten die Zuschauer im fast ausverkauften Literaturhaus einen unterhaltsamen, informativen Abend. Ein Abend, der seinen Witz auch aus der schlechten Laune Burtons zog. Denn der britische Konsul und Forscher (1821-1890) sei „per se schlecht gelaunt“, wie Ilija Trojanow erklärt: „Aber auf hohem Niveau schlecht gelaunt.“

Trojanow hat Burton bereits vor vier Jahren in seinem Roman „Der Weltensammler“ (Hanser) ein literarisches Denkmal gesetzt. Nun hat er Burtons Text über dessen Besuch bei den Passionsspielen 1880 wiederentdeckt und diesen mit eigenen Kommentaren und Beobachtungen veröffentlicht.

Es ist ein lesenswertes Buch geworden, das seine Skurrilität vor allem aus Burtons üblicher – und auch im Fall „Oberammergau“ nicht geänderter – Herangehensweise an den Gegenstand seines Interesses bezieht: „Er beschreibt die Oberbayern so, als wären sie ein unbekanntes, primitives Völkchen, das tief im Gebirge im Schatten eines dunklen Berges, am Ufer eines wilden Flusses haust und erst ,jüngst‘ entdeckt wurde“, schreibt Trojanow.

Da echauffiert sich Burton etwa über die Unhöflichkeit der Oberammergauer im Allgemeinen und der Gastwirte im Besonderen – worauf Stückl kommentiert: „Es ist hart. Ich bin selbst Gastwirtssohn.“ Neben Anekdoten berichtet der Regisseur im Gespräch mit Trojanow aus der Geschichte der Passion und bemerkt, als Burton sich beschwert, wie 1880 die Auferstehung inszeniert wurde: „Er hätte auch 2010 an der Auferstehung rumgekrittelt.“ Mal sehen: 15. Mai ist Premiere.

Michael Schleicher

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