„Oberhausener Manifest“ - den Widerstand gibt es immer noch

München - 1962 machte Geschichte. Die Kuba-Krise. Die Hamburger Sturmflut. Und das „Oberhausener Manifest“. 26 deutsche Filmschaffende trugen per Unterschrift „Papas Kino“ zu Grabe. 50 Jahre später trafen sich neun von ihnen im Münchner Filmmuseum.

Ganz zum Schluss kommt er doch noch zu Wort. Der Regisseur Haro Senft, der aus Gesundheitsgründen nicht ins Münchner Filmmuseum kommen kann, um die Ehrung der Landeshauptstadt entgegenzunehmen. Er, der vor 50 Jahren 25 Filmschaffende um sich versammelte, um anlässlich des Oberhausener Kurzfilmfestivals zu proklamieren: „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen“, ist in einem gut einminütigen Filmausschnitt zu sehen. Vielleicht, sagt er, sei es gut, sich wieder an das „Oberhausener Manifest“ zu erinnern. Und dann: „Irgendetwas liegt im Argen heute.“

Was genau, das sagt er nicht. Auch die neun Anwesenden, unter ihnen Autorenfilmer wie Alexander Kluge, Rob Houwer und Hansjürgen Pohland, lassen allenfalls durchblicken, dass ihre alten Forderungen nach einem neuen deutschen Film noch Zunder haben; haben könnten, wenn es sie denn wieder gäbe, die Mutigen von damals. Freiheiten forderten sie in ihrem Manifest. „Freiheit von den branchenüblichen Konventionen. Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner.“ Weg vom verlogenen Heimatfilm, hin zur gesellschaftlichen Realität, das war ihr Weg. Die französische „Nouvelle Vague“ und das britische „Free Cinema“ hatten es vor allem in ästhetischer Hinsicht vorgemacht.

Wie als Beleg dafür, dass die Charakterköpfe einst die deutsche Filmlandschaft umkrempelten, sind Ausschnitte aus einigen ihrer Kurzfilme zu sehen. Ferdinand Khittls „Das magische Band“, der schon 1959 mit elektronischer Musik experimentiert. „Notizen aus dem Altmühltal“ von Hans Rolf Strobel, der Heimatkitsch und Fortschrittszwang ironisch bricht. Oder Wolfgang Urchs Trickfilm „Das Unkraut“, der der dominanten Disney-Romantik einen neuen, politischen Stil entgegensetzt. Ihre Experimente waren ein Politikum, als „Bubi-Filme“ hämisch verschrien. Genau das machte sie stark.

Heute will von diesen spöttischen Tönen freilich niemand mehr etwas wissen, wie Oberbürgermeister Christian Ude in seiner Festrede betont. Man ist voll des Lobes. Die würdevollen Film-Intellektuellen blicken gerne auf die Oberhausener Zeit zurück, als nächtelang über den neuen Film, ein neues Publikum und eine neue Kritik diskutiert wurde. Sie sprechen davon, dass sie ein neues Klima schaffen wollten. Ude verweist mehrfach darauf, dass der Text des Manifests in Schwabing entstand. Es ist ein würdiges Jubiläum.

Das ist erfreulich und traurig zugleich. Erfreulich, weil so kurz vor dem 50-jährigen Jubiläum des Manifests (am 28. Februar) der Mut derer gewürdigt wird, die den deutschen Film aus seiner Starre befreiten. Traurig, weil der Gang in die Geschichtsbücher nicht selten eines bedeutet: Konserve. „Wir sind 20 Jahre später beerdigt worden“, sagt Alexander Kluge mit Blick auf den Deutschen Filmpreis, den die Oberhausener Gruppe 1982 erhielt. „Und jetzt werden wir nochmal beerdigt.“ Allerdings: Ganz so ist es nicht. Erst vor zwei Jahren, erzählt Hansjürgen Pohland, habe er begonnen, einen Film über die „alten Oberhausener“ zu machen. Förderung habe er keine bekommen, weder aus Berlin, noch aus München. Schließlich habe er ihn selbst gemacht. Pohland spricht von dem alten Widerstand der Filmindustrie, der noch heute lebe. Dann sagt er kämpferisch: „Ich bin stolz, dass es noch möglich ist, heute mit diesem Oberhausener Geist einen Film zu machen."

Von Marcus Mäckler

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