Der Oberst und die Tänzerin

- Spätestens seit den 90er-Jahren wandelte sich der freie Tanz von einer schon virtuos entwickelten Bewegungs-Kunst schließlich bei Konzept-Choreographen wie Meg Stuart, Xavier LeRoy u. a. zu einem Medium des selbstkritischen Nachdenkens: über den illusionistischen Aspekt, die Vermarktungsmaschinerie, über Körper und Identität. Jutta Hell und Dieter Baumann, die mit ihrer fast 20 Jahre alten Rubato Compagnie zu Berlins zeitgenössischen Pionieren gehören, trafen 1995 in Peking die Startänzerin und Compagnie-Chefin Jin Xing - drei Monate nach ihrer Geschlechtsumwandlung - und vertieften sich in die "Gender"-Thematik. Das von Jutta Hell für Baumann und Jin Xing 2002 inszenierte Duett "Person to Person" gastiert noch heute in der Münchner Muffathalle.

<P>Sie sind offenbar ein Mensch mit einem überdimensionalen Willen. Schon mit neun Jahren haben Sie sich über einen Hungerstreik die Tanzausbildung erzwungen. An der Pekinger Militär-Akademie! Uns im Westen erscheint das ungewöhnlich.<BR><BR>Jin Xing: Eltern wollen ihre Kinder vorzugsweise dort unterbringen. Weil diese Institution der Armee, anders als die Beijing Ballett-Akademie, einfach alles anbietet, alle Tanz- und Sport-Arten, Schauspiel, Gesang, Film, und und. Gleichzeitig aber auch die Disziplin der Reservisten-Ausbildung.<BR><BR>Mit 17 Chinas bester klassischer Tänzer, mit 20 Modern-Dance-Stipendiat in New York, acht Jahre Erfolg im Ausland, in der Armee befördert zum Oberst. Und bei der Rückkehr die öffentlich gemachte operative Umwandlung. War das für Sie, mit diesem Renommee, ein bewusster kämpferischer Akt? Und war es für die chinesische Führung, da politisch nicht gefährlich, ein Zeichen zu mehr persönlicher Freiheit?<BR><BR>Jin Xing: Von staatlicher Seite wurde das eher still und leise behandelt. Und für mich war es rein pragmatische Notwendigkeit. Ich bin ja auf die Bühne zurück, als Frau - mit dem gleichen Namen. Man hätte es ohnehin gemerkt.<BR><BR>Haben Sie nicht die ganzen Jahre gelitten, noch dazu in einer Militär-Akademie? Und wie haben Sie Ihr Liebesbedürfnis ausgelebt? <BR><BR>Jin Xing: Ich wusste schon mit sechs, dass in meinem Körper eine Frau steckte. Und später wusste ich auch, dass ich diese Frau irgendwann werden würde. Leiden? Meine Philosophie ist: Leiden ist der erste Schritt, um etwas zu bekommen. Die meisten Menschen realisieren das nicht - und schon kommt das nächste Leid um die Ecke . . . In der Akademie habe ich mich nur in heterosexuelle Männer verliebt, auch nicht in Mädchen. Also habe ich alles Körperliche und Seelische in den Tanz kanalisiert. Und das habe ich sehr genossen.<BR><BR>"Weiblich/männlich", noch längst nicht entschlüsselte Zuschreibungen, die im Stück untersucht werden sollten . . .<BR><BR>Baumann: Man steckt ja doch sehr in einem sozialen Bewertungssystem drin. Ich wollte mir klar werden: Wie definiere ich im Tanz, was ich als weiblich in mir empfinde.<BR>Aber jeder Darsteller/Tänzer kann "weibliche" Bewegungen herstellen.<BR><BR>Hell: Schon, aber beim Proben haben wir Filter angesetzt, alle Klischees und nachahmenden Gesten aussortiert, nur die Bewegungen genommen, die sich wirklich entwickelt haben, zum Beispiel aus dem Becken.<BR><BR>Baumann: Am Ende der Proben haben sich meine früheren Kategorien auch aufgelöst. Ob eine Energie, Haltung, Kraft, Psychologie männlich oder weiblich ist, ist doch eine Frage der Erziehung, der Ideologie.<BR><BR>Jin Xing: Im kommunistischen China ist es ganz normal, dass die Frau stark ist wie ein Mann, muskulös zupackt. Da ist nur der weichliche Mann suspekt. Einteilungen, Werturteile sind einfach unfair. Ich fühle mich weiblich. Und gerade nach der Umwandlung hatte ich lange Fingernägel, sexy Kleidung, keine Jeans mehr. Das hat sich beruhigt. Aber ich kann jetzt auch noch wie ein Kerl reagieren, wenn ich zum Beispiel die Beleuchtung meiner Stücke selbst machen muss. "Männlich" und "weiblich", das ist für mich: ein unterschiedlicher Hormonhaushalt plus persönliche Ästhetik. </P><P>Das Gespräch führte Malve Gradinger<BR></P>

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