Objekt der Begierde

- Ein Objekt der Begierde. Das ist Anton Tschechows "Kirschgarten". Für Schauspieler und Zuschauer. Und für Regisseure, die sich heranwagen an diese menschliche Plantage. Ohne jede Scheu fielen kürzlich die Münchner Kammerspiele mit ihrem Regisseur Lars-Ole Walburg über sie her. Wie die Heuschrecken. Entsprechend das Ergebnis.

Kurz nach diesem Kammerspiele-Kahlfraß hat jetzt Barbara Frey, die mit "Onkel Wanja" dem Bayerischen Staatsschauspiel einen Tschechow-Triumph beschert hatte, ebenfalls den "Kirschgarten" inszeniert. Leider nicht in München, sondern in Berlin am Deutschen Theater. Mit jener intelligenten Radikalität, die es braucht, um uns diese Menschen in ihrer großen Isoliertheit, Einsamkeit und Bindungsunfähigkeit vor Augen zu führen.

Die Zukunft gehört den Schlägertypen

Ein Objekt der Begierde: Das ist in dieser Inszenierung die schöne Ranjewskaja (Dagmar Manzel mit tragischer Allüre), die - finanziell ruiniert und vom Liebhaber verlassen - nach fünf Jahren Frankreich zurückkehrt aufs hochverschuldete russische Gut. Zurück zum Bruder Gajew (Dieter Mann mit leiser Wehmut), dem sentimentalen Billardspieler.

Zurück an den Ort, an dem der kleine Sohn einst ertrunken ist; zu ihrer Tochter Anja (selbstbewusst: Meike Droste) und Haustochter Warja (stark in ihrem Nihilismus: Inka Friedrich), zu den skurrilen Gutsbesitzern und Buchhaltern. Zurück zu Trofimow (ungeschönt: Frank Seppeler), dem ewigen Studenten und früheren Lehrer des Sohnes. Und zu Lopachin, dem aus dem armen Bauernstand aufgestiegenen, neureichen Kaufmann (Ulrich Matthes, dezent die Macht des Geldes auskostend, vielleicht aber ein bisschen zu intellektuell).

Alle lässt Barbara Frey sie verrückt sein nach dieser Ranjewskaja, die wie ein elegantes Mütterchen Russland mit Fuchsmütze auf dem Kopf in den frühen Morgenstunden aus Paris eintrifft in ihr altes Zuhause, das sie übrigens am Ende des Stücks mit einer Baskenmütze auf dem Blondhaar Richtung Paris wieder verlässt. Alle wollen sie berühren, anfassen, küssen. Selbst Trofimow kann sich nicht bremsen. Und ihren pöbeligen Diener Jascha lässt sie ohnehin dreist gewähren.

Ohne dass auch nur einer innerlich an sie herankäme. Auch nicht Lopachin, der ihr Gut ersteigert und sie in ihrer Todtraurigkeit auffängt mit seinem Arm, sie hält, ihr den Rücken begierig kosend. Auch nicht ihre Tochter Anja, die sie aus der Distanz mit Worten der Vernunft über den Verlust der schönen alten Kirschgarten-Welt sehr sachlich hinwegtröstet und sie sofort wieder verlässt. Ranjewskaja steht nach erfolgter Versteigerung allein, Halt suchend nur am äußeren Bühnenrahmen, immer tiefer gebeugt, still weinend. Einen langen Moment, den sie braucht, um sich sammeln, sich fassen und kerzengerade den diagonalen Gang über die menschenleere Bühne wagen zu können.

Mag das auch zunächst eine Idee zu gefühlig erscheinen, ist diese Szene dennoch höchst gelungener Ausdruck der Beziehungslosigkeit dieser Menschen untereinander. Wie überhaupt dieser dritte Akt, in dem Ranjewskaja ein Fest gibt, das prägendste Bild der Inszenierung ist. Hier zeigt sich, dass die Regisseurin nicht wie im Münchner "Onkel Wanja" die Komödie im Auge hat, sondern die Brutalität des menschlichen Miteinanders. Angetrunken alle, erweist sich Diener Jascha als hemmungsloser Schlägertyp. So werden sie aussehen, die neuen Herren. Und wenn Jascha den Studenten Trofimow blutig boxt und zu Boden tritt und es niemand bemerken will, dann ist die Inszenierung angekommen im Heute.

Das Bühnenbild signalisiert das von Anfang an. Nur wenige Dekorationsteile wie Schrank, Tisch, Stuhl oder Kronleuchter vor wechselndem Videoprospekt - Sternenall, Wolgalandschaft, Steppengras, Dunkelhimmel. Mehr Symbolik leistet sich Barbara Frey nicht. Kein Kirschgarten, keine Axtschläge, auch nicht der geheimnisvolle Klang einer springenden Saite, den Tschechow zweimal erwähnt. Mag er die Utopie einer neuen Zeit erhofft haben, Freys Sicht dagegen ist hoffnungslos.

Es gibt nicht einmal die Ahnung von Zukunft, die nach der Rodung des Gartens entstehen könnte. Der neue Mann ist nicht wie bei Tschechow Lopachin, es sind die Jaschas dieser Welt. Mit diesem illusionslosen Blick der Regisseurin verbietet sich jeder Komödienaspekt des Stücks. Und in dieser Konsequenz ist Freys Inszenierung großartig.

Dass sie wie nebenbei mit dem "Kirschgarten" auch die Geschichte des Deutschen Theaters streift, indem sie die Schauspielergeneration des alten DDR-Ensembles wie Mann und Manzel quasi identifiziert mit der abtretenden Tschechow-Generation und darin gleichsam die Trauer des Stücks manifestiert, macht die Aufführung für Berlin extra kostbar. Aber auch jeder anderen Stadt dürfte diese Inszenierung eines sein: ein Objekt der Begierde.

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