Rom oder die Kinder an der Macht

- Schlachtplatte im Münchner Volkstheater. Scherz treiben mit dem Entsetzen. William Shakespeare, der alte Elisabethaner, war darin Meister. Jedenfalls in seinem frühen Stück "Titus Andronicus" hat er das ausgereizt, so weit es geht. Zur Gaudi des Volks. Zu dessen Rührung und Abschreckung. Zur Unterhaltung. Und doch geht es hier um die ewigen Themen Macht und Gewalt und auch ein bisschen Liebe. Die Menschen werden in ihrer Schändlichkeit und Jämmerlichkeit vorgeführt. Ganz ohne Wert, ohne Moral, ohne Konvention.

<P>Gerade das scheint der Grund zu sein, warum sich Christian Stückl für diesen "Titus Andronicus" als Eröffnungsinszenierung seiner Intendanz entschieden hat. Shakespeares Mords-Reigen als absurdes Zerrbild einer Zivilisation in ihrem Endstadium. Die Gesellschaft zum Comic verkommen. Die Römer sind hier Gecken und Deppen. In ihren kurzen Röckchen und Schnürsandalen, mit Schwert, Schild, Krone und Lorbeerkranz sind sie von Anfang an der Lächerlichkeit preisgegeben. <BR><BR>Die Alten - die Brüder Titus und Marcus Andronicus - verblödet, die Jungen kindisch verwahrlost. Die Gameboy-Generation an der Macht. Als Kontrast dazu die Goten, die so genannten Barbaren. Flotte Typen. Gestalten wie ausgeschnitten aus einem Zeitgeist-Prospekt von heute. Die Moderne hält Einzug in Rom. Die ist zwar weniger blöd, dafür umso brutaler. <BR><BR>Wie sieht das nun auf der kleinen Volkstheaterbühne praktisch aus? Christian Sedelmayer entwarf einen schönen Raum: eine Tiefe vortäuschende, metallene Schräge mit Versenkung, eingerahmt durch gemalte Rom-Prospekte; in der Mitte hängt von oben herunter die kaiserliche Krone, das Objekt der Begierde. Hin und wieder wird viel Dampf abgelassen und die Szene entsprechend vernebelt. Veralbert wird das Ritual. Zu "Auf auf zum fröhlichen Jagen" schreiten die Römer mit Pfeil und Bogen zum Wildbret-Schießen. Und Christian Stückl macht sich ein Vergnügen daraus, Hirsch, Wildschwein und Leopard über die Bühne zu treiben. <BR><BR>Mit schrillem Spaß spielt er den Horror aus. Literweise fließt Theaterblut - beim Zunge-Herausschneiden, Kehle-Durchtrennen, Hände-Abhacken oder wenn er die kurzen Messer in Brüste, Bäuche und Rücken rammen lässt. Wenn`s zum Schluss ans große Fressen geht, knallt ein Seitenquader herunter: ein moderner Herd, auf dem Titus den Kannibaleneintopf anrührt; eine Tafel, an der gegessen, gemordet und gestorben wird. <BR><BR>Lachen durch Schock - das ist es, was Christian Stückl erreichen wollte und was ihm manchmal auch gelingt. Zum Beispiel im Fall der Lavinia, der die ihr abgeschlagenen Hände wie Kinderhandschuhe um den Hals gehängt werden. Da hat auch Frederike Schinzler, die mit ihrer Rolle doch etwas überfordert ist, sehr anrührende Momente. Die lassen sich auch bei Alexander Duda entdecken, der als Titus von einer traurigen, tumben Naivität ist. Eine zweite Ebene gibt es nicht. Dass ihm die Regie einen Mord erlässt, nämlich den an einem seiner Söhne, macht die Figur zusätzlich flacher. <BR>Christian Stückl hat nicht annähernd so viel Geld wie Kammerspiele oder Staatsschauspiel. </P><P>Entsprechend preiswert muss er seine Schauspieler "einkaufen". Und entsprechend unerfahren sind dann auch die meisten, die hier mitspielen. Wie brünstige junge Hengste jagt er seine Truppe, eine wilde Knaben-Gang, durchs Shakespeare-Gestrüpp. Manchmal hat man dabei den Eindruck, einer reizvollen Mischung aus Profi- und Laientum zuzuschauen, was nicht durchgehend spannend ist. Dazwischen als Garantie guter Schauspielertradition der standhafte Herbert Rhom in der Rolle des Marcus Andronicus, der mit Ruhe und Witz, mit Umsicht, Tiefe und darstellerischer Präsenz irgendwie alles zusammenhält. <BR><BR>Richtig neugierig indes machen zwei andere Darsteller. Ursula Burkhart ist eine sehr konzentrierte, in ihrem Gestus exakte, starke Tamora. Und Michael Lippold gibt als schwarzer Aaron mit weiß gemalter Gesichtsmaske den eleganten, kokettierenden Super-Bösewicht. Seinen Part als Strippenzieher, Spielmacher und auch Conférencier hätte Stückl durchaus mehr betonen sollen. <BR><BR>Nach drei Stunden "Titus Andronicus" eine gewisse Ratlosigkeit im Premierenpublikum. Beim Schichtl könnte man`s billiger haben, das Köpfen. Aber nicht so bunt, nicht so ausführlich und nicht so fröhlich. Doch genauso leichthändig. Im Münchner Volkstheater, dessen Ambiente - also Eingangsbereich, Foyer, Restaurant - vor lauter Schick kaum wieder zu erkennen ist, ist ein neuer Stil eingezogen. </P><P>Ob das nicht alles nur Fassade bleibt, wird sich im Laufe der nächsten Premieren herausstellen. Der Stand der Dinge nach dem Auftakt: viel Sympathie dafür, dass Stückl mit seinem Team fröhlichen Muts und ohne Netz und sicheren Boden gewisse Unzulänglichkeiten so fantasiereich zur Schau stellt. <BR></P>

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