Odysseus aus der Westentasche

- Kaum erschienen, hat der neue Roman von Bernhard Schlink, "Die Heimkehr", bereits die Bestsellerlisten erreicht. Der Autor profitiert noch immer von seinem ersten literarischen Erfolg, dem "Vorleser". Und von jedem neuen Buch dieses gewieften Spurenlegers und Indiziensammlers erwartet man eine ähnliche Qualität. Doch die Enttäuschung ist groß.

 Denn Schlink bedient sich in seinem der antiken "Odyssee" nachempfundenen Roman nur zu versiert künstlerischer, zeitgeschichtlicher und politischer Versatzstücke. Man spürt auf jeder Seite: Dieser Autor weiß, was ankommt; weiß, seine Kolportage über zwei Männerleben mit dem notwendigen gesellschaftskritischen Grundgestus zu versehen. Er weiß, Spannung aufzubauen und zu halten: Nazivergangenheit und ihre internationale Gegenwart, ein bisschen Liebe, ein bisschen Horror, philosophisch Grundsätzliches zum Guten und Bösen in der Welt. Und immer die kokette Suche nach dem eigenen Ich. Also alles, was sozusagen angesagt ist in der Zeitgeistdebatte.

Das liest sich wie ein Schmöker früherer Jahre. Darin allerdings könnte eine Absicht des Autors liegen. Denn Ich-Erzähler Peter Debauer berichtet, wie er als Knabe während seiner jährlichen Ferienaufenthalte bei den Schweizer Großeltern in den 50er-Jahren auf einige Seiten eines Groschenromans stößt. Folgenden Inhalts: Ein Soldat, der aus dem Krieg nach Hause heimkehrt, wird an der Wohnungstür mit neuem Mann und neuem Kind an der Seite seiner Frau konfrontiert . . . Der Junge, selbst durch den Krieg vaterlos, kann diese Geschichte nicht mehr vergessen. Denn immer wieder wird er im Laufe seines Lebens, das er weitgehend als Verlagslektor verbringt, damit konfrontiert.

Nur zu schnell ahnt der Leser, dass es sich bei dem anonymem Verfasser des Kiosk-Romans wohl um den auf geheimnisvolle Weise in Russland verschwundenen und von seiner angeblichen Ehefrau für tot erklärten Schweizer Vater handelt. Über 300 Seiten legt Schlink nun Fährten, geht die verschlungensten Wege, lässt über Gebühr den Zufall walten. Alles sehr konstruiert, alles sehr vorhersehbar, ohne dass er mit der Form des Groschenheftes dialektisch spielen würde. "Auch das noch", mag manch Leser bei der Lektüre öfter verärgert seufzen. Und erkennen: Dieser Westentaschen-Odysseus Schlinks ist nur ein synthetisches Produkt, mehr Kunststoff als Kunst; und der große Homer vor allem ein Vorwand, um bei dem angesehenen Diogenes-Verlag als Literatur durchzugehen.

Bernhard Schlink: "Die Heimkehr". Diogenes Verlag, Zürich, 375 Seiten; 19, 90 Euro.

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