"Ödipus auf Kolonos": Von Liebe keine Spur

München - Wo Ödipus ist, wird Sieg sein. Wo sein Grab, Segen. So das Orakel. Also kommt Kreon, um den todkranken, aus seiner Stadt Theben verbannten Ödipus zurückzulocken von seinem Fluchtort Kolonos, Athens heiligem Hain der Eumeniden. Und es kommt Polyneikes, kriegführender Sohn des Ödipus, um ihn mitzuschleppen für den eigenen Sieg. Denn er beansprucht den Thron in Theben, den er dem mit seinem Bruder Eteokles regierenden Kreon abjagen will.

"Ödipus auf Kolonos" (Übersetzung: Kurt Steinmann), die letzte Tragödie des greisen, 90-jährigen Sophokles, die erst 401 v. Chr., fünf Jahre nach seinem Tod, uraufgeführt wurde, hatte jetzt als erste Neuproduktion dieser Saison an den Münchner Kammerspielen Premiere. Regie führte Jossi Wieler, der die Aufführung mit einem immer zerstörerischer klingenden Streicherton einer Bratsche beginnen lässt (Live-Musik: Charlotte Hug).

In dem Stück, der inhaltlichen Fortsetzung der allgemein bekannteren "König Ödipus"-Tragödie, geht es also um Macht. Und es erzählt davon, wie dieser König Schwellfuß, der unwissend und daher schuldlos einst zum Mörder seines Vaters, Gatten seiner Mutter und Vater seiner Geschwister wurde, auf Kolonos entsühnt in den Hades geht. Wie er loslässt vom Irdischen, von den Spielen der Macht, um deren Ausgang er weiß; den Sophokles bekanntermaßen in "Antigone", einem seiner frühen Stücke, bereits beschrieben hat.

Ödipus, der geblendete, wenn auch noch gar nicht alte, so doch aber hinfällige König, der über Jahre als Kreons Gefangener in Theben lebte, bevor er von den eigenen Söhnen davongejagt wurde, ist, wenn das Stück beginnt, am Ziel. In Begleitung seiner Tochter Antigone angekommen in Kolonos, im Reiche Theseus, dem Ideal eines Rechtsstaats, in dem das Urteil der Menschen über die Verdammnis der Götter siegt. Ihm will Ödipus durch seinen Tod zu dauerhaftem Segen verhelfen. Und diesem Athen setzte der alte Sophokles, der den Untergang der attischen Demokratie noch miterleben musste, ein Denkmal.

Wer Jossi Wielers Münchner Antiken-Inszenierungen kennt, "Alkestis", "Die Bakchen", ahnte schon, dass ihn auch bei "Ödipus auf Kolonos" weniger das Heroenhafte der Antike und der politische Inhalt als die zeitgemäße bürgerliche Enge interessiert, das Seelen-Gefängnis, in dem die Menschen eingepfercht sind. Aus dem sich der blinde Ödipus mit Hellsichtigkeit befreit. Wieler verzichtet auf inszenatorisches Brimborium. Er zwingt die Zuschauer, sich ganz und gar auf diesen lebenden Leichnam Ödipus zu konzentrieren. Auf das Existenzielle seines Seins.

In der Mitte der Bühnenschräge nur ein Stuhl, auf dem Ödipus Platz nimmt. Rechts die Andeutung von Theseus' Palast. Eine Quelle ist über die Schräge gezogen, in die ab und zu ein Tropfen fällt. Wer diesen Hain betritt - Ödipus, seine Töchter Antigone und Ismene, Kreon und Polyneikes ­, wird geplagt von Juckreiz und Zuckungen; die Eumeniden tun ihr Werk. Das führt teilweise zu seltsamen Verkrampfungen und auch dazu, dass es fast keine Körperberührung gibt, auch nicht zwischen Vater und Töchtern. Von Liebe keine Spur.

Annette Paulmann und Caroline Ebner spielen zwei zickige späte Mädchen. Hans Kremer gibt den Kreon in extrem eckigen Verrenkungen mit vergeblichen begehrlichen Versuchen, sich zärtlich Antigone zu nähern. Interessant ist Edmund Telgenkämper, wie er als Polyneikes Machtwille, Dumpfheit, Aggression und Sohnesliebe gleichzeitig aufscheinen lässt. Dass Jossi Wieler den Theseus eine Frau sein lässt, in souveräner Zurückhaltung gespielt von Sylvana Krappatsch, ist wohl damit zu erklären, dass diese Asyl gewährende und Gerechtigkeit einlösende Idealgestalt in den Augen des Regisseurs nur weiblich sein kann.

Was diese Inszenierung auszeichnet, ist - trotz großer Textkürzungen und einer optischen Reduzierung des ebenfalls weiblichen Chores, der zunächst bloß aus dem Off zu hören ist - die Bescheidenheit, mit der sich der Regisseur und sein Hauptdarsteller der Tragödie stellen. Stephan Bissmeier, der hier schon oft gepriesene Minimalist, scheint auch jetzt wieder ganz auf sich zurückgeworfen. Die Blindheit deutet er nur dezent an. Leise, manchmal nur die Sätze murmelnd, ist es, als hole er sie aus seiner tiefsten Seele hervor. Mitunter lässt er den hohen Ton der attischen Tragödie und ihren Sprachrhythmus wie ein Zitat anklingen. Ab und an kann er sich auch die Haltung des einstigen Herrschers nicht versagen. Und seine Zornesausbrüche haben etwas von der Gewalt eines inneren Erdbebens. Nie ist dieser Schauspieler auch nur einen Moment eitel, nie trumpft er auf. Bissmeier theatert nicht. Und ist wahrhaftig.

Darum folgt man dieser nur 70 Minuten kurzen, aber hochkonzentrierten Aufführung mit anhaltender Aufmerksamkeit. Doch ohne Beunruhigung. Also fragt man sich am Ende, mit welchem dramatischen Furor ein "Ödipus auf Kolonos" wohl über uns käme, wenn eine Inszenierung von ihrer Form her der Maßlosigkeit, Größe und Gewalt der antiken Tragödie Rechnung tragen würde.

Die Besetzung

Regie:

Jossi Wieler. Bühne: Barbara Ehnes.

Kostüme:

Nadine Grellinger.

Darsteller:

Stephan Bissmeier (Ödipus), Annette Paulmann (Antigone), Caroline Ebner (Ismene), Hans Kremer (Kreon), Edmund Telgenkämper (Polyneikes), Sylvana Krappatsch (Theseus), Anna Böger, Rena Dumont, Angelika Fink, Lena Lauzemis (Chor), Charlotte Hug (Live-Musik).

Die Handlung

Geführt von seiner Tochter Antigone, ruht der blinde und todkranke, aus Theben verbannte Ödipus in Kolonos, dem heiligen Hain vor Athen, aus. Hier will er bleiben und sterben. Doch Schwager Kreon rückt bewaffnet an, um ihn zurückzuholen. Auch der kriegerische Sohn bettelt vergebens. König Theseus gewährt dem schuldlos schuldig gewordenen Ödipus Schutz.

Nächste Vorstellungen: 1., 8., 17. Oktober.

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