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Der Horváth-Raum mit Filmen, Fotos, Dokumenten; rechts Kuratorin Elisabeth Tworek.

„Ödön von Horváth und Murnau“: Neue Dauerausstellung

Murnau - Die Pepi Kastner, ihres Zeichens Modistin zu Murnau, erinnerte sich noch 1979 an den längst hochberühmten Schriftsteller Ödön von Horváth (1901-1938).

Als 17-Jährige hatte sie ihn vom Stammtisch in der „Post“ gekannt und als ziemlich „phlegmatisch“ empfunden. Sie sei daher schon sehr überrascht, was er alles geleistet habe. Es sind diese Episoden, die die neue Dauerausstellung „Ödön von Horváth und Murnau“ im Schlossmuseum, zu einem besonderen Erlebnis werden lassen. Was das Besucher-Glück dann vollkommen macht, ist die heitere, verspielte und zwanglos zielführende Gestaltung der Präsentation durch das Team Katharina Kuhlmann, Alfred Küng, Tobias Fürst und Hans Niedermaier (Fun-Architekten). Die schmiegten ins Juhe des Schlossturms zwischen Dachbalken und schräge Wände ein vielseitiges Horváth-„Bilderbuch“.

Horváth war 1920 als Sommerfrischler mit seinen Eltern nach Murnau gekommen, wo sie 1924 an der Bahnhofstraße eine (heute nicht mehr existente) Villa bauten. Der ungarische Diplomat Edmund Horváth war seit 1909 in München ansässig; Ödön wird 1913 nachgeholt. Später in der Marktgemeinde vor der Alpenkette wird der junge Mann die Eigenheiten der Menschen, ihre Lebensumstände und insbesondere ihre Sprache – die, in der sie sich wohlfühlen, und die, die ihnen aufgezwungen wird – aufsaugen. Er wird zum wichtigsten Erneuerer des „Volksstücks“ werden. Ohne Murnau wäre das nicht möglich gewesen, wäre weder „Zur schönen Aussicht“ noch „Kasimir und Karoline“ denkbar.

Davon ist Jahrzehnte nach Horváths Flucht vor der Murnauer SA (1933) eine junge Murnauerin überzeugt: Elisabeth Tworek, Chefin der Münchner Monacensia, wurde zur Horváth-Expertin. Schon bei der Gründung des Schlossmuseums 1993 richtete sie einen Horváth-Raum ein. Jetzt war sie ebenfalls zur Stelle und hat sich in ihrer Freizeit wieder der Darstellung des Dramatikers in ihrem Heimatort gewidmet – und konnte aus ihren Forschungsergebnissen schöpfen. So begegnen wir nicht nur Pepi Kastner, sondern können minuziös Amtsdokument für Amtsdokument nachvollziehen, wie der Künstler 1927 versuchte, eingebürgert zu werden, und wie das der Gemeinderat abwürgte.

Derartige Schriftstücke (in Kopie), aber auch Briefe, Notizen, Romanentwürfe und Zeitungsausschnitte sind jedoch nicht bieder arrangiert, sondern in einem langgestreckten „Archivschrank“ untergebracht. Den muss man sich als interaktive Vitrine vorstellen. Der Besucher zieht an Griffen, und es tun sich immer neue Informations-Facetten auf. Etwa von dem Vorbild des Ich-Erzählers aus dem Roman „Jugend ohne Gott“. Der Lehrer Leopold Huber wehrte sich gegen die Hakenkreuz-Beflaggung – beeindruckendes Beispiel für Zivilcourage. Ein Film zeigt darüber hinaus das „braune“ Murnau – natürlich mit Fahnen überall –, ein anderer die fröhlichen Sommergäste am Staffelsee. Auch München und Berlin sind im Film präsent. Gibt auf der einen Schmalwand eine Biografie-Tafel einen guten Überblick über Ödön von Horváths kurzes Leben, lädt die andere zum Verweilen ein (mit Hör-Station zu seinen Texten). Hinter einer „Bühne“ zeigt ein Großfoto das Treiben in einem Wirtsgarten. Beides hängt mit Horváths Dramatik zusammen. In der Wirtschaft lauschte er den Leut’. Gasthäuser boten überdies Theaterstückln. Zu besonderer Berühmtheit hatte es die Egerner Ganghofer-Thoma-Bühne der Gebrüder Schultes gebracht („Gasthof Überfahrt“ am Tegernsee), die bei der „Berliner Kulturschickeria“ sehr beliebt war, wie Tworek schmunzelnd erzählt. Horváth verpflichtete sogar den dortigen Laienschauspieler Hermann Erhardt, um mit ihm in Berlin die männliche Hauptrolle in „Kasimir und Karoline“ zu besetzen.

„Er empfand sich selbst als einen Bayer aus Murnau“, analysierte Carl Zuckmayer Horváths Verhältnis zu seiner Wahlheimat. Aber die – besser die Nazis – wollte ihn nicht. Auf der Flucht, im Pariser Exil, erschlug am 1. Juni um 19.25 Uhr ein Ast Ödön von Horváth. Ein Gewitter hatte gewütet.

Simone Dattenberger

Schlossmuseum Murnau täglich außer montags 10-17 Uhr, Telefon 088 41/47 62 07; Kulturführer zu Horváth: 7,70 Euro.

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