Der Ölprinz

- So gut wie alles machen die Bregenzer ja möglich. Schweißen 711 Tonnen Stahl und Aluminium zusammen, basteln daraus eine Raffinerie, deren Türme bis zu 27 Meter ins Firmament ragen und aus denen es flammt und faucht, sobald unten die "grande emozione" ihren Siedepunkt überschreitet. Doch was nützt die Pyrotechnik, wenn in der ersten "Troubadour"-Hälfte die Konkurrenz aufmuckt? Oben, auf halber Höhe des Pfänder, des Bregenzer Hausbergs, wird plötzlich ein Feuerwerk abgebrannt. Und 7000 Premierengäste blicken nach rechts, vergessen für Momente, warum sie eigentlich da sind.

Dabei hätte die brandneue Produktion auf der Seebühne wirklich alle Aufmerksamkeit verdient. Paul Steinbergs Bühne für Giuseppe Verdis Oper reiht sich mühelos in die Reihe fulminanter Vorgänger ein. Die Bohrinsel erinnert tatsächlich an die im Libretto vorgesehene Festung, und auch die eingebaute Kritik, dass (Bush-) Kriege heute doch nur ums Öl geführt werden, funktioniert.

Kilometergeld für Sänger

Wie in Bregenz üblich, wirkt das rostrote Trumm auch ohne Musik. Und es bietet Regisseur Robert Carsen unzählige Möglichkeiten, seine Sänger zu beschäftigen. Was der auch gern tut: Oben, wo die Luft für Tenor Alfredo Portilla hörbar dünn wird, darf Manrico seine Kanzone singen, ansonsten geht's treppauf, treppab, über Stege und Brücken und über das vordere Plateau, was einen irgendwann auf den Gedanken bringt: Kriegen die wohl Kilometergeld?

Der Raffinerie vorgelagert ist, so nennt es Paul Steinberg, der "Strand". Ein schlickiges Etwas, an das Ölfässer angeschwemmt wurden und auf dem Azucena samt Zigeuner haust. Und hier gelingt dem Duo Carsen/ Steinberg der beste Moment. Zum Amboss-Chor nämlich schmieden die Zerlumpten keine Eisen, sondern hämmern im Takt gegen eine Wand, die ihnen den Weg zu Lunas Ölreich versperrt: der größte Hit des Stücks als Revolutionshymne.

Vorher durfte noch ein Benz um die Ecke biegen, der Leonora zum Auftritt fährt. Luna wählt, einige Szenen weiter, die effektvollere Ankunft per Motorboot. Doch abgesehen von diesen Einfällen, den beiden imponierenden Chorszenen und gelegentlichen Feuerstößen: Im Grunde bietet Carsen eine gar nicht so spektakelnde Regie. Vieles hätte genauso gut auf jeder Opernbühne stattfinden können, dort vielleicht sogar wirkungsvoller. Denn auch das beweist der Bregenzer Verdi: Der "Troubadour" ist doch ein sehr intimes Stück, bei dem weniger Monumentales als vielmehr das Kräftespiel der vier Hauptpersonen entscheidend ist.

Und ungewollt führt die Produktion einen weiteren Beweis: Passende Verdi-Sänger zu finden, ist momentan die härteste Nuss. Bis zu dreifach sind in Bregenz die Rollen besetzt. Herausragend in der Premiere: die in allen Registern auftrumpfende Azucena von Larissa Diadkova, der schön timbrierte Ferrando von Clive Bayley und, mit kleinen Abstrichen, Sondra Radvanovsky. Für die Leonora bringt sie Ausstrahlung und den richtigen Vokalzwitter zwischen lyrischer Koloratur und kraftvoller Dramatik mit, auch das Gefühl für feines, nur manchmal faserig klingendes Melos.

Zeljko Lucic, ganz Bösewicht im Business-Dreiteiler, gibt den Luna mit Klischeegestik und markiger, belegter Stimme, Alfredo Portillas unausgeglichener Manrico bekommt den dünnsten Applaus. Neu ist heuer, dass die Wiener Symphoniker im Festspielhaus sitzen, was auf zwei Videoschirme übertragen wird. Dirigent Fabio Luisi treibt sie am straffen Zügel zum Dalli-Dalli-Verdi: mit staubtrockener Rhythmik, in den Kantilenen nachgebend, doch meist einer nervigen, hitzigen Interpretation verpflichtet.

Höchst präzise Klänge

Verblüffend wieder einmal, dass die Freiluft-Unternehmung zu einer Präzision findet, die manch behauste Operntruppe erbleichen ließe. Und erstaunlich auch, dass den Lautsprechern Ausbalancierteres, sogar Wuchtigeres als früher entströmt. Zwei Sommer ist dieser "Troubadour" zu erleben, 2007 und 2008 gibt es am Bodensee Puccinis "Tosca". Was natürlich die Frage aufwirft: Wohin wohl zielt die Titelheldin beim finalen Sprung von der Engelsburg? - Aufführungen bis 21. August, Tickets unter 0043/ 55 74 407-6 oder www.bregenzerfestspiele.com.

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