Ofenfrische Szenewörter

- Wer Tom Wolfe liest, bekommt ohne Zweifel ein Stück realitätsnahes Amerika geliefert. Denn Wolfe, in den 60er-Jahren Reporter oder Mitherausgeber von solchen Star-Medien wie New York Herald Tribune, New York Magazine und Esquire, bleibt auch als Romancier ein Zeitungsmensch, immer den aktuellen Ereignissen, Tendenzen und Veränderungen der amerikanischen Gesellschaft dicht auf den Fersen, dabei sprachlich überschäumend vor Neologismen, Slang-Vokabeln und ofenfrischen Szenewörtern.

Mit seiner Reportagensammlung von 1965 "Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby" initiierte er den "New Journalism", einen Schreibstil zwischen Reportage und fiktionalen Techniken, der auch das soeben auf Deutsch erschienene "Ich bin Charlotte Simmons" kennzeichnet.

Ein fast 800-Seiten Opus, das sich wieder einmal mit jounalistischer Vehemenz und Akribie auf einen Aspekt der US-Gesellschaft wirft: die amerikanische Universität, eine auf einem Campus zusammengedrängte Mikro-Welt mit ihren Klassenunterschieden, Verbindungsseilschaften, mit ihrer fast schon zum ideologischen Überbau hochgepuschten Sportmanie.

Man denke: Für die hünenhaft gewachsenen Athleten aus den Basketball-, Football- und Lacrosse-Teams sind eigens auf geistiges Minimalniveau heruntergeschraubte Seminare eingerichtet. Und die gehätschelten Sportskanonen werden mit Tutoren durch Prüfungen geboxt, mit geschenkten Luxus-Autos bei Laune gehalten.

Ein Gang durch die Hölle

War Wolfes erstes rein fiktionales Werk, "Fegefeuer der Eitelkeiten" von 1987, ein New-York- und Wallstreet-Roman, so seziert er hier die (nach dem Harvard- und Yale-Vorbild erfundene) Elite-Uni Dupont in Chester Pennsylvania. Der Werdegang der Titelheldin Charlotte Simmons, Vorzeige-Highschool-Absolventin aus dem Kaff Sparta in North Carolina, dient als roter Faden.

Die bildungshungrige, ehrgeizige Hinterwäldlerin aus armen Verhältnissen, aufgewachsen in der religiösen Strenge der "Kirche des christlichen Evangeliums", noch Jungfrau in Sachen Sex und Alkohol, glaubt in Dupont das Paradies des Wissens zu finden - und geht dann in der Verletzlichkeit ihrer pubertären Verunsicherung durch die Hölle: Sie weiß, dass sie klug und hübsch ist, aber sie hat kein Geld für die angesagten Diesel-Jeans und Markenhandtäschchen, leidet unter der Nichtbeachtung von Seiten der reichen Beverly, mit der sie das Zimmer im Wohnheim teilt, überhaupt unter dem allgemeinen mobbenden Cliquenverhalten und ist zutiefst entsetzt über die freizügigen sexuellen Gepflogenheiten. Aber der nur allzu menschliche Wunsch dazuzugehören, überrumpelt ihre Strebsamkeit, Vernunft und bis dahin eiserne Disziplin. Auf einem Besäufnis-Ausflug einer Verbindungsclique lässt sie sich vom Campus-Beau entjungfern, vernachlässigt ihre Seminare und ist am Ende ohne rechte Überzeugung, aber durchwärmt vom ersehnten Anerkanntsein-Gefühl, mit dem weißen Basketball-Ass Jojo liiert.

Eine Art Allmachtsmensch

Handwerklich versiert, versteht es Wolfe, seine Protagonistin, deren zerrissene Jungmädchenpsyche er sympathieheischend realistisch schildert, in das gesellschaftliche Panorama einzubauen: außer dem schönen Verführer Hoyt, Typ Nichtstuer, ist da noch der intellektuelle Seelenfreund Adam, als Mitarbeiter der Campus-Zeitung erfolgreich im Aufdecken von Skandalen hochstehender Politiker. Da sind der Sport-Coach, eine Art Allmachtsmensch, die arroganten Reiche-Tochter-Zicken, die Verfechter von Lesben- und Homo-Rechten und und. Wolfe hat, alle Achtung, jahrelang recherchiert: seitenweise Klamottentrends, verwahrloste Studentenzimmer, Sportlerkörper, ja bis in den letzten Trizeps, Cafeteria-Frühstücke, versiffte Parties und Basketballspiele, akribisch wie für ein Fachmagazin. Und endlos der Fuck- und sonstige lotterige Campus-Jargon. Dear Tom Wolfe, 300 Seiten hätten es dicke getan.

Tom Wolfe: "Ich bin Charlotte Simmons". Deutsch von von Walter Ahlers. Karl Blessing Verlag, München, 792 Seiten; 24, 90 Euro.

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