Offen für alles

- Stuttgarter Staatsoper, ein Wochentag Ende April. Applaus brandet auf, eigentlich ein wenig spät, hat der junge Mann den Graben doch schon durchquert. Ein fast unbemerkter Auftritt. Doch was sich in den folgenden drei Stunden ereignet, brennt sich in Gehörgänge und Gedächtnis ein: Bellinis "Norma" als im Doppelsinn unerhört leidenschaftliches Drama.

Kraftvoll, mit trockener Rhythmik und nie nachlassender Spannung, flexibel die dramatischen Erfordernisse erspürend, dabei immer sängerfreundlich.

"Carmen" in Wien

Eine Musteraufführung also. Premierenstimmung mitten im Repertoirealltag. Und der "Schuldige", obgleich jedes Sechzehntel präsent, wirkt gar nicht wie ein Pultdompteur. Wie schafft es also Constantinos Carydis, dieser freundliche, zurückhaltende Dirigent, einer Aufführung einen solchen Stempel aufzudrücken? Vielleicht weil er Sachen sagt wie: "Das Wichtigste ist Vertrauen auf beiden Seiten." Oder: "Voraussetzung ist, dass man ein Konzept hat und dieses dann nicht stur durchsetzt."

Carydis, erst 32 Jahre alt und eine der größten Hoffnungen der Dirigentenszene, ist über das Talentstadium längst hinaus. Von 1999 bis 2003 war er fest am Gärtnerplatz engagiert. Dort hörte ihn Klaus Zehelein, Intendant der Stuttgarter Staatsoper, und holte ihn als ersten Kapellmeister. Nun kehrt der gebürtige Athener nach München zurück - für ein Konzert beim Münchener Kammerorchester, in dem er Werke von Iannis Xenakis, Igor Strawinsky, Minas Bourboudakis sowie eine Uraufführung von Periklis Koukos dirigiert. Solist ist Peter Sadlo (morgen, 20 Uhr, Prinzregententheater).

Sein Vertrag in Stuttgart lässt Constantinos Carydis am Ende dieser Spielzeit bewusst auslaufen: "Ich versuche jetzt mal zu gastieren und neue Erfahrungen mit anderen Orchestern zu sammeln." Sorgen muss man sich um ihn nicht machen. Im Gespräch lässt er durchblicken, dass ihm schon Chefposten an mittleren Häusern angeboten wurden. Doch er braucht eben "eine Art Pause" vom Festengagement.

War also die Stuttgarter Stelle der Durchbruch? "Ich weiß nicht, was Durchbruch heißt", wiegelt Carydis gleich wieder ab. "Das klingt stark nach Karriere. Aber das hab' ich nie angestrebt. Ich will einfach so gut wie möglich Musik machen." Auf dem Klassikmarkt, wo Verpackung oft mehr als Inhalt zählt, ist Carydis damit eine Ausnahme. Doch es funktioniert, wie die nächste Saison beweist. Da debütiert er immerhin mit einer "Carmen"-Serie an der Wiener Staatsoper.

Der stille Star

Dass Dirigieren ein steter Kampf gegen die Routine ist, verhehlt Carydis nicht. Schuld daran sei unter anderem das Repertoiresystem, das möglichst viele Opern bieten will. Doch "gewisse Qualitätsmängel" gebe es automatisch, wenn ein lange Zeit nicht gespieltes Stück reanimiert werden müsse. Dirigieren bedeute an solchen Abenden weniger Interpretation - sondern Motivation.

Seit elf Jahren lebt Constantinos Carydis in München. Hier hat er sein Studium beendet, hier ist er zum stillen Star des Gärtnerplatztheaters geworden, was durch schwärmende Sänger und Musiker untermauert wird. An der Komischen Oper Berlin ist Carydis regelmäßiger Gast, er dirigierte auch in seiner Heimat Athen und an der Deutschen Oper am Rhein. Auf ein bestimmtes Repertoire lässt er sich dabei nicht festlegen. "Von Barock bis Verdi und Puccini habe ich vieles ausprobiert. Ich will frisch bleiben, offen für alles, auch wenn das mehr Arbeit macht als ein Routine-Repertoire mit sechs, sieben Stücken."

Dass Carydis auch interpretatorisch gern Neues wagt, demonstrierte er in der umjubelten Stuttgarter "Alceste": Statt Gluck - wie von ihm eigentlich erwartet- mit Emotionen aufzuladen, erlebte man plötzlich, wie empfindsam und substanzreich diese Musik klingen kann, wie sie in Pastellfarben schimmern kann, ohne auch nur eine Sekunde in gepflegte Langeweile abzugleiten. "Ich habe bei meinen Engagements auch nicht das Gefühl, dass ich als Grieche in die Schublade ,Mediterranes’ gesteckt werde", sagt er. Nach dem Motto: Wer einen packenden italienischen Abend braucht, der ruft einfach bei Constantinos Carydis an.

Manches freilich möchte er sich noch aufheben. Wagner zum Beispiel wegen seiner "großen deutschen Tradition". Angst vor den Stücken steckt weniger dahinter, eher eine kritische Selbsteinschätzung: "Das sind Dimensionen, die einen langen Atem erfordern. Wo man auch viel lesen und gesehen haben muss. Und vor allem: wo man in sich ruhiger sein sollte."

Constantinos Carydis dirigiert am kommenden Samstag auch eine "Carmen" am Gärtnerplatz (19 Uhr).

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