Ohne Effekte und Heiligenschein

- Eine Privatkapelle ließ der Meister auf seinem Landsitz in St. Agata errichten. Um dort täglich zu beten? Um sich frömmelnd der Kirche hinzugeben? Mitnichten. Giuseppe Verdi pflegte eine kritische Beziehung zum Katholizismus. Von einem christlichen Gefühl war er erfüllt, ein Bekenntnis lehnte er jedoch ab. Und nach dem Tod, so fand er, wartete ohnehin nicht die himmlische Verheißung, sondern das Nichts: "Ich glaube, dass das Leben etwas sehr Dummes ist und (was noch schlimmer ist:) unnütz."

Reinigungsaktion

Eingang fand solch Gedankengut in die musikalische Ausstattung seiner Figuren wie Posa, aber auch in die "Messa da Requiem". Dass dies freilich kaum mehr erfahrbar ist, dass viele Aufführungen der Totenmesse Hans von Bülow nachträglich Recht geben ("Oper im Kirchengewand"), hat ihr mehr geschadet als genützt. Wenn sich nun Nikolaus Harnoncourt die Partitur vornimmt, ist klar, dass eine Reinigungsaktion passiert. Eine Reinigung von oberflächlichen Effekten, Traditionen und falschen Besetzungen. Denn erstaunlich ist schon, wie oft Verdi Forte von Fortissimo unterscheidet, wie häufig er nur vier statt alle Chorsänger fordert und wie gern er Anweisungen wie "dolce con calma" oder "calmo dolcissimo" notiert. Und ganz besonders erstaunlich ist es, wenn dies alles, wie bei Harnoncourt, wirklich einmal realisiert wird.

Dass dieses Verdi-Requiem, das 2004 in Wien mitgeschnitten wurde, nicht auf klangliche Überwältigung und Dezibel-Exzesse setzt, mag irritieren, ist aber seine Stärke. Wer die CD hört, entdeckt das Stück neu. Folgerichtig arbeitete Harnoncourt mit eher lyrischen Sängern. Mozart-Tenor Michael Schade singt das wohl dezenteste "Ingemisco" der Plattengeschichte. Bernarda Fink (Mezzo) gestaltet nicht mit druckvoller Emphase, sondern mit mikrokosmischer, wohllautender Dramatik und Ildebrando d'Arcangelo mit frischem, markigem, nur etwas gleichförmigem Bass. Nicht ganz überzeugend: der harte, schneidende Sopran von Eva Mei.

Harnoncourts gemessene Tempi bringen die Musik nicht ins Schwitzen, ermöglichen Tiefenschärfe und eine penible Strukturierung der Klangmassierungen. Der famose Arnold-Schönberg-Chor und die Wiener Philharmoniker folgen dem Dirigenten dabei rückhaltlos. Bezeichnend ist, wie dramatische Verläufe immer wieder aus einer Verhaltenheit entwickelt werden. Und wie oft Verdi auf frühere Kirchenmusik Bezug nimmt: Weich, gregorianisch wölbt sich das "Te decet hymnus", das "Agnus Dei" bleibt intime Aussage und wird nicht vom Heiligenschein umkränzt, und das "Libera me" singt Eva Mei nicht mit hysterischem, sondern mit angemessen bangem Tonfall.

Harnoncourts bestechende Partitur-Befragung bedeutet allerdings nicht, dass er auf dynamische Höhepunkte verzichtet. Nur platziert er sie eben an den entscheidenden Stellen ("Tuba mirum", "Rex tremendae") und untermauert damit die liturgische, keineswegs opernhafte Grundhaltung. Als Kronzeugen hat er dabei den bestmöglichen: Seinem Verleger Ricordi schrieb Verdi seinerzeit, dass "Phrasierung und Dynamik, wie sie auf dem Theater angebracht sind, mir hier nicht - aber schon gar nicht - zusagen."

Giuseppe Verdi: Messa da Requiem, Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt (RCA). Harnoncourt dirigiert am Wochenende in Salzburg Bruckners Fünfte. Die Konzerte sind ausverkauft, Bayern 4 sendet den Mitschnitt am 3. 9. um 20.05 Uhr.

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