Ohne Heimatduselei

- Für zwei Jahre hat Martin Kusej bei den Salzburger Festspielen die Verantwortung fürs Schauspiel übernommen. Die jetzt zu Ende gehende Festspielsaison war für ihn in dieser Position seine erste - und insgesamt gesehen eine durchaus erfolgreiche. Wer sich in Salzburg ums Sprechtheater kümmert, hat traditionell schwer zu kämpfen gegen die Übermacht der Oper, die alles an Geld verschlingt, was erwirtschaftet wird - ob von Seiten des Konzertprogramms oder von Seiten des Schauspiels.

Das konnte auch der Kärtner Kusej nicht ändern, obwohl er mit seiner Truppe Überschuss erarbeitet hat. Nichts davon darf er behalten, alles fließt in Peter Ruzickas gierigen Rachen. Das ehrgeizige Ziel des Festspielchefs ist bekanntlich, im Mozartjahr 2006 alle 22 Opern des Salzburger Genies aufzuführen. Auf Kosten der anderen Sparten.

Zurück zum Schauspiel 2005. "Wir, die Barbaren . . . " war die Überschrift der Saison. Und damit hatte Kusej seinem Programm ein Motto verpasst, was viel hermachen mag, aber vollkommen unnötig ist. Denn - und das weiß auch er als gewiefter und erfahrener Regisseur - jedes ernst zu nehmende dramatische Werk passt unter den Slogan. Egal ob Klassiker oder Zeitgenosse. Im Übrigen ist solch eine symbolische Begrifflichkeit sowieso immer anfechtbar und kann durchaus auch zurückschlagen. Aber dazu kommen wir noch. Doch ob mit oder ohne Motto: Das diesjährige Programm darf im Großen und Ganzen als gelungen angesehen werden. Wobei Gelingen in der Kunst immer auch das Scheitern miteinschließt. Richtig war Kusejs Entscheidung, den Schwerpunkt auf österreichische Stücke zu setzen, ohne dabei in Heimatduselei abzudriften.

Was also wurde geboten an den Hauptschauplätzen Salzburgs, jener Stadt, die einmal im Jahr, von Ende Juli bis Ende August, der Nabel der künstlerischen Welt sein will? Natürlich der "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal, und zwar mit einer neuen Buhlschaft. Dass Nina Hoss nicht vollends in dieser Rolle überzeugen konnte, war eine kleine Enttäuschung. Sie hatte Mühe, sich den sehr großen Raum des Festspielhauses schauspielerisch zu erobern. Das Pech dieser vier Jahre alten Inszenierung Christian Stückls aber war heuer noch mehr das schlechte Wetter. Es zwang einfach zu viele Vorstellungen vom Domplatz weg ins feste Haus. Schade.

Da hatte es die erste Schauspiel-Neuinszenierung dieses Festspielsommers einfacher. "Geschichten aus dem Wiener Wald" von Ödön von Horvá´th ging ganz wetterunabhängig im Salzburger Landestheater über die Bühne. Und obwohl Regisseurin Barbara Frey weitgehend auf das österreichische Idiom verzichtetete und auch sonst auf jeden vermeintlichen Horvá´th-Realismus, worüber sich trefflich streiten ließe, kam diese Aufführung beim Salzburger Publikum enorm gut an. Der Hauptgrund war gewiss die hochkarätige Schauspielerriege für die Protagonisten-Rollen. Diese Produktion machte die alte, oft und nur zu gern ignorierte Weisheit deutlich: Ein Stück und seine Inhalte vermitteln sich in erster Linie über die Schauspieler, nicht über so genannte Stars, sondern über so starke, bis zu ihrem Äußersten gehenden Bühnenpersönlichkeiten wie sie etwa Lambert Hamel oder Sunnyi Melles sind (ab 13. Oktober im Münchner Residenztheater).

Beste Platzauslastung

Ein Eindruck, der sich auch bei der zweiten großen Festspielpremiere fortsetzte: Franz Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende", von Kusej inszeniert, auf der Perner-Insel in Hallein bei Salzburg. Brillant gespielt von Tobias Moretti und Michael Maertens. Und im Umgang mit dem literarischen dramatischen Erbe Grillparzers intelligent und mit einigem Witz durch Kusej in der großen Perner Halle realisiert. Hier trat das ein, wovon die Festspielleitung seit Existenz des Schauplatzes Hallein bislang nur träumen konnte: Statt der bisherigen durchschnittlichen Platzauslastung von 70 Prozent waren alle "Ottokar"-Vorstellungen schon vor der Premiere ausverkauft. Diese Mehreinnahmen aber kommen nicht dem Schauspiel zugute, sie fließen in den Mozarttopf.

Mit der dritten wesentlichen Schauspiel-Neuproduktion haben die Festspiele die österreichische Linie verlassen zugunsten hehrer Klassik - Heinrich von Kleists "Penthesilea". Im Fall der Inszenierung von Stephan Kimmig kommt nun das Spielzeitmotto zum Tragen, aber vermutlich anders, als vom Erfinder gemeint: "Wir, die Barbaren . . ." Als die entpuppten sich nämlich der Regisseur und seine Mannschaft, indem sie Text und Inhalt roh und grausam herunterbrachen auf die Banalität, auf die Unbildung des Heute.

Die Gegenwart aber in Gestalt neuer Stücke spielte indes kaum eine Rolle bei den Festspielen. Als Alibi fürs Zeitgenössische musste René´ Pollesch herhalten mit seinem "Cappuccetto Rosso", der letzten und auch noch im Freien stattfindenden Premiere dieser Festspielsaison. Vermisst wird der große Gegenwartsentwurf, der überragende Autor, das absolute Zeitstück. Österreich ist ja nicht arm an dramatischen Talenten . . . Vielleicht in Kusejs zweitem Jahr.

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