Ohne Konservierungsstoffe

München - Das Prinzip Taschenbuch stand Pate, als Peter Stangel 2004 mit der Taschenphilharmonie die Münchner Klassik-Szene um ein weiteres Ensemble bereicherte. "In einem Taschenbuch steht der gleiche Text wie in einer schweren Hardcover-Ausgabe. Ich wollte musikalische Werke âEurošleichterâEuro™ machen ohne inhaltliche Einbußen."

Klassik leicht gemacht: Peter Stangel ist Dirigent der Münchner Taschenphilharmonie

Dass dieses Rezept funktioniert, beweist allein schon die beachtliche Statistik: In der ersten Saison gab es sieben Konzerte, in der zweiten 16, und in der dritten kletterte die Zahl der Auftritte auf 30. Rund 4500 Kinder erlebten in dieser Spielzeit die Taschenphilharmonie. "Und das nicht mit leicht Verdaulichem, sondern mit Werken von Bartók oder Jana(c)ek."

Komponist und Dirigent Peter Stangel (44) wartet mit seinen Musikern nicht nur darauf, dass die Kinder zu ihnen in die Sonntagskonzerte strömen (an diesem Sonntag, 15 Uhr, ist das letzte der Saison im Münchner Stadtmuseum), sie sind auch umworbene Gäste in den Kindergärten. "Ich rede gern in den Konzerten", verrät Stangel, der aus der früheren Tschechoslowakei stammt, Studienleiter und Kapellmeister verschiedener Opernhäuser war und Chefdirigent des Loh-Orchesters im thüringischen Nordhausen wurde.

Für die Kinder hat er immer eine passende Geschichte parat, für die Erwachsenen zieht er einen "doppelten Boden" ein. "Die Kinder zwischen drei und sechs Jahren können noch geprägt werden. Sie wollen lernen und müssen sich in unseren Konzerten quasi auf die Zehenspitzen stellen. Aber dann haben sie auch ein Erfolgserlebnis. Sie erleben Musik von Bach bis Bartók und lernen etwas dazu." Ganz nebenbei zum Beispiel eine Dreiviertelstunde still zu sein.

Stangel bietet den Kindern keine Illustrationen an, er setzt auf die Macht der Musik und die Fantasie der Kinder ­ "die Bilder sollen in ihren Köpfen entstehen". Da der Andrang groß ist und viele Kinder im Saal des Stadtmuseums keinen Platz finden, hat Peter Stangel Kontakt zur Jüdischen Gemeinde aufgenommen. Ab der nächsten Saison spielt die Taschenphilharmonie auch regelmäßig im Burda-Saal des Jüdischen Zentrums, der mehr als 400 Nachwuchs-Zuhörern Platz bietet. Mit einer neuen kleinen Konzertreihe (sonntags, 18 Uhr) will der Musiker ab Herbst außerdem Erwachsene ansprechen. Ermuntert hat ihn das Interesse vieler Eltern. Da, wie Stangel weiß, "die Klassik seit eineinhalb Generationen nicht mehr zum Kanon gehört", will er ihnen mit seinem Angebot den Zugang erleichtern. "Ohne Konservierungsstoffe und ohne Zuckerzusatz."

Für seine Konzerte "bedient" sich der Chef des Orchesters ­ je nach Bearbeitung, die Komponist Stangel natürlich selbst erstellt ­ aus einem Pool von 25 Musikern. Unterstützt wird die Taschenphilharmonie, die ein gemeinnütziger Verein ist, von der Sparkassenstiftung, dem Freundeskreis des Stadtmuseums und dem Kulturkreis Gasteig. Die Stadt erlässt die Saalmieten. Dass Sponsoren herzlich willkommen sind, versteht sich von selbst, denn bei freiem Eintritt oder niedrigen Preisen halten sich die Einnahmen in Grenzen.

Peter Stangel bearbeitet nicht nur die Meisterwerke fürs Taschenformat, er komponiert auch immer wieder selbst: Im Rahmen der Münchener Biennale wird beim Konzert des Hochschulorchesters, am 27. April, 18.30 Uhr, in der Musikhochschule sein Werk "Autopoesia" (Selbstschaffung) uraufgeführt. Darin sollen Video und Musik miteinander verzahnt werden. Stangel interessiert sich dafür, wie sich Schwärme, etwa Fische oder Vögel, in der Natur organisieren. Sein "Schwarm" sind die 70 Musiker eines Symphonieorchesters, das ohne Dirigent spielt. Jedem Musiker hat Stangel ein eigenes Mikro-Thema zugeordnet, das permanent wiederholt wird. Die Videokünstlerin Vera Müller "steuert" den audio-akustischen Ablauf.

Im Sommer will sich Stangel dann verstärkt seiner Operette "Cabaret Voltaire" widmen. Zusammen mit Jürgen von Stänglin (Libretto) lässt er in Zürich zu Anfang des 20. Jahrhunderts das dadaistische Manifest auf das leninistische treffen. "Es soll eine richtige Operette werden, aber gleichzeitig gebrochen und geschärft."

Konzerte

an diesem Sonntag, 15 Uhr, im Münchner Stadtmuseum sowie am 27. April, 18.30 Uhr, im Rahmen der Münchener Biennale (Musikhochschule).

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