Open Art: „Ohne Kreativität kein Fortschritt“

München - 25. Open Art in München: Jörg Heitsch über zeitgenössische Kunst, junge Künstler und die Galerie-Szene in München.

Am Freitagabend startet die 25. Open Art, das ganze Wochenende werden die Münchner Galerien für zeitgenössischen Kunst einen Einblick in aktuelle Kulturströmungen geben. Wie es um die bestellt ist? Ein Gespräch mit dem Galeristen Jörg Heitsch fasst Freud und Leid der Galeristen und der Künstler zusammen.

„Wir haben es hier und in Bayern sehr gut. Wir haben eine hohe Sammlerdichte. Die 35- bis 45-Jährigen haben eher zu viel Geld als zu wenig.“ Und Kunst zu kaufen, da ist sich Jörg Heitsch sicher, ist ein Trend: Zu Zeiten unsicherer Investment-Angebote bietet Kunst eine Chance, nachhaltig Geld anzulegen und sich auch noch daran erfreuen zu können. „Dass München lange als Schlusslicht der Kunstszene angesehen wurde, ist zu Unrecht. Wir sind die Einzigen, die wirklich Umsätze machen.“ So viel zum Unternehmer Jörg Heitsch.

Was aber sagt der Künstler Jörg Heitsch, der sich seit dem 16. Lebensjahr intensiv mit Kreativem beschäftigte, mit 19 freie Malerei am Chicago Art Institute studierte, bei Immendorff lernte und Meisterschüler bei Helmut Sturm war? „Ich finde toll, dass die Jugend kompromisslos ist.“ Deswegen stellt er junge, innovative Künstler aus, die mit ihren Wurzeln, mit der Kunstgeschichte, intelligent spielen. Künstler, die mit Werkstoffen umgehen können, „richtig was machen“ und um „jedes Werk ringen“. Ob sich damit Geld machen lässt? „Ich gehöre zu den 20 Prozent der Galerien in München, die als Wirtschaftsunternehmen funktionieren. Und da bin ich stolz darauf. Vor allem, weil das nur mit Primärkunst funktioniert.“ 80 Prozent der Galerien existieren seiner Meinung nach aus „gesellschaftlichen Gründen“, viele davon würden Kunst handeln, aber nicht entdecken. Deswegen ist ihm die Open Art auch so wichtig: „Es muss doch Galeristen geben, die zeitgenössischen, modernen und jungen Künstlern eine Chance geben.“

Genau aus diesem Grund schaltete er seinerzeit selbst um. Anfang der Neunzigerjahre beschäftigte er sich in San Francisco viel mit Kunst und Medien und entwickelte deswegen vielleicht sein Konzept jenseits der Medienkunst. Dabei kam er auch auf den Trichter, dass er die ideelle Ebene mit der praktischen verbinden und als Galerist sich drum kümmern will, „dass der Künstler auch etwas zu beißen hat“. 1994 eröffnete er an der Reichenbachstraße seine Galerie, die vorher eine Werkstatt und „ein echtes Loch“ war, renovierte bisher schon vier Mal und hat jetzt einen Mietvertrag bis 2024. Das wären dann 30 Jahre im Dienste der jungen Kunst in München.

Die nächsten zehn Jahre gesteht man dem leidenschaftlichen Galeristen locker noch zu. „Die Bedeutung des kulturellen Beitrages der Künstler und Galerien wird unterschätzt“, erklärt er seine Motivation. „Junge Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn es Veränderungen gibt, sind die Künstler die Ersten, die unverblümt und ehrlich versuchen, das umzusetzen.“ Schlussplädoyer: „Ohne Kreativität gibt es keinen Fortschritt. Und ohne Flexibilität gibt es keine Perspektiven für die Zukunft.“

Bei der Open Art, dem Start in die Herbst-Saison, möchte Heitsch am liebsten alle auf diese Mission mitnehmen: „Sobald man über die Sache Kunst spricht, sind die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten egal. Kunst betrifft alle Lebensbereiche.“ Hemmschwellen abbauen, Offenheit fördern: Heitsch, der bewusst nicht im Museumsviertel ist und sich durchaus mancher Laufkundschaft erfreut, wünscht sich auch im Galeristen-Kreis noch viel mehr Zusammenarbeit. „Die Lobbyisten- und Vetternwirtschaft nervt mich an München.“ Sein Traum: eine Messe für zeitgenössische Kunst. Sein zweiter Traum: ein Skulpturengarten. Den hat er sich gerade am Tegernsee realisiert. Kaum hatte er das Haus seines Vaters geerbt, baute  er  es gründlich um. Am 29. September werden Garten und Galerie in Bad Wiessee mit den Stahl-skulpturen  von Herbert Mehler unter dem Motto „Parallelnatur“ eröffnet.

Freia Oliv

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