Ohne Lodenmantel-Kitsch

- Beim Wort "Wildschütz" denkt der Bildungsbürger vielleicht noch an Lortzing, der Rest allenfalls an dunkelgrüne Lodenmäntel und zünftigen Alpen-Kitsch, dralle Madeln im Dirndl und sonnengeflutete Almwiesen. "Jennerwein" hat damit nichts gemein außer dem Thema. Immerhin geht es in Hans-Günther Bückings großartigem Spielfilm um den legendären Wildschütz Georg "Girgl" Jennerwein, der bis zu seinem Tod im Winter 1877 das Schlierseer Tal als Wilderer unsicher gemacht hat.

<P>Doch Bücking bleibt nicht in altbayerischer Brauchtumsverklärung hängen, sondern entwirft ein scharf umrissenes, sehr naturalistisches Bild der Zeit. Ihm geht es um die sozialen Missstände, die Armut, den Hunger, die Verelendung ganzer Landstriche und die Ausbeutung der kleinen Bauern durch die Großgrundbesitzer.<BR></P><P>Das Leben des Kriegsheimkehrers Jennerwein (exzellent: Fritz Karl) und seiner Umgebung besteht nicht aus idyllischen Momenten im Schatten der Gipfel, und das Wildern ist nicht irgendein undefinierbares Männlichkeitsgebaren, sondern motiviert durch die blanke Not. Der Himmel ist grau und verhangen, Nebel steht zwischen den Bergrücken, man erkennt den Dreck an den Kleidern. Die Wilderer frieren und sehen dabei gar nicht heroisch, sondern erbärmlich aus, mit blau gefrorenen Lippen und roten Triefnasen. Bücking konstruiert seinen anrührenden Spielfilm aus Motiven, die an klassische Western erinnern: Der Einzelne im Kampf um Gerechtigkeit, der Streit um die geliebte Frau und schließlich der hinterhältige Schuss in den Rücken. <BR></P><P>"Jennerwein" bietet zudem bei aller Popularität des Stoffes einen ausgefeilt komponierten Spannungsbogen sowie eine stimmige Atmosphäre mit garantierter Sogwirkung. Man wünscht sich mehr solche Filme aus Deutschland. Filme, die zwar klein und unprätentiös auftreten und ein regionales Thema in den Mittelpunkt stellen - aber dafür mit unserem Leben, unserer Geschichte und unseren Traditionen mehr zu tun haben als jedes gelackte Yuppie-Drama. (In München: Mathäser, Atlantis.)<BR><BR>"Jennerwein"<BR>mit Fritz Karl, Sabrina White,<BR>Christoph Waltz<BR>Regie: Hans-Günther Bücking<BR>Hervorragend </P><P> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Die Welt zu Gast bei Freunden: An diesem Wochenende hat „Welt/Bühne“ Premiere im Marstall. Wir sprachen über das internationale Autoren-Projekt mit Sebastian Huber, …
Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Am Dienstag speilte Kris Kristofferson im nicht ganz ausverkauften Circus-Krone. Statt vieler Ansagen gab es ein ambitioniertes Pensum an Songs. Trotzdem fehlte dem …
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
158 Produktionen aus 43 Ländern sind beim Münchner Filmfest vom 28. Juni bis 7. Juli zu sehen – der Vorverkauf hat begonnen.
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.