Ohne Robin-Hood-Romantik

München - Lange hat es gedauert, doch nun hat die italienische Sprache auch am Gärtnerplatz Einzug gehalten. Zwar hauchen Mimi und Violetta hier weiterhin noch mit deutschen Versen auf den Lippen ihr Leben aus, aber es wird in Münchens zweitem Opernhaus ab sofort immer wieder Ausnahmen geben, in denen man das originale Libretto heranzieht.

Münchner Gärtnerplatztheater: Jubel für Giuseppe Verdis

frühe Oper "I Masnadieri" nach Schillers "Räubern"

Dass sich Intendant Ulrich Peters für den ersten Anlauf nun ausgerechnet Giuseppe Verdis Schiller-Vertonung "I Masnadieri" ausgesucht hat, ist da mehr als nur eine nette Pointe. Aber wer möchte schon die undankbare Aufgabe übernehmen, Andrea Maffeis komprimierte Version der "Räuber" auf sangbare Weise wieder zurück ins deutsche "Original" zu übertragen?

Dem ohnehin international bunt zusammen gewürfelten Sängerensemble ging das Italienische auf jeden Fall flüssig von der Zunge, und auch, was die Leistung des Orchesters betrifft, wohnte man hier einer der ausgewogensten Premieren seit langem bei. Dies lag nicht zuletzt am mitreißenden Dirigat von Henrik Nánási, der seine Musiker an diesem Abend zu Höchstleistungen motivieren konnte. Verdis Vorbilder aus der Belcanto-Ära waren da stets präsent, doch ließ Nánási ebenso anklingen, dass der Komponist bereits auf der Schwelle zum großen Musikdramatiker steht. Für naive Räuber-Romantik im Robin-Hood-Stil ist in dieser Produktion folgerichtig auch auf der Bühne kein Platz. Sieht Regisseur Thomas Wünsch in den Räubern doch nichts anderes als eine Bande brutaler Terroristen, die zwischen den verkohlten Trümmern des World Trade Centers und einer enthaupteten Freiheitsstatue ihren üblen Machenschaften nachgehen. Ein starkes Bild zum Auftakt, das jedoch nicht überstrapaziert wird.

Denn selbst wenn sich einzelne Arien zuweilen etwas plakativ an der Rampe abspielen, inszeniert Wünsch das Drama doch meist eng an den Figuren entlang. So zeichnet er etwa den verstoßenen Sohn Carlo von Beginn an als Außenseiter, der sich nur ungern in die Rolle des Führers drängen lässt. Zurab Zurabishvili gefiel sich dabei allerdings vor allem darin, seine imposanten Spitzentöne ins Auditorium zu posaunen, blieb darstellerisch aber oft zurückhaltend. Dadurch wurde der szenisch präsente Rolla von Florian Simson, den die Regie langsam als Graue Eminenz innerhalb der Räuberhierarchie aufbaut, zur eigentlich treibenden Kraft. Das Ruder stets fest in der Hand hielt dagegen Mikael Babajanyan als intriganter Francesco, der mit kernigem Bariton die gesanglich wohl beste Leistung des Abends bot. Ein eiskalt berechnender Machtmensch, der ohne Skrupel sogar dazu bereit ist, den eigenen Vater zu opfern, welchem Guido Jentjens seinen nobel tönenden Bass lieh.

Elaine Ortiz Arandes hatte da als einzige Frau im Ensemble keinen allzu leichten Stand, zumal Verdi ihr neben virtuosen Koloraturen wiederholt auch große dramatische Ausbrüche abverlangt. Trotzdem warf sie sich mit bedingungsloser Hingabe in die anspruchsvolle Partie und vermochte ihre Stimme bei aller Intensität immer wieder in ein berührendes Piano zurückzunehmen. Wenn es doch Momente gab, in denen die Sopranistin an ihre Grenzen stieß, wusste sie diese geschickt für ihre Rollengestaltung zu nutzen und erntete dafür ebenso wie ihre Kollegen den Jubel des Publikums.

Es wird dies hier nicht die letzte Inszenierung von Thomas Wünsch gewesen sein. Und wenn man dem Versprechen von Intendant Ulrich Peters glauben darf, soll es am Gärtnerplatztheater in den kommenden Jahren auch noch mehr vom jungen Verdi zu hören geben. Auf beides darf man jetzt schon gespannt sein.

Nächste Vorstellungen: 18., 23., 27. März.

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