Ohne Sentimentalität

- So ein klein wenig Patriotismus muss schon mal erlaubt sein. Erst recht, wenn das Ergebnis dabei so ehrlich und glaubwürdig ausfällt wie beim jüngsten Auftritt von Sir Colin Davis mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, für dessen Auftakt der englische Dirigent die hierzulande eher selten zu hörende vierte Symphonie seines Landsmannes Ralph Vaughan Williams gewählt hatte. Ohne große Umschweife ging es da gleich im ersten Satz voll zur Sache.

Pompös und wuchtig, aber dennoch stets kontrolliert stieg Davis in das Werk ein. Wobei er erst gar nicht den Versuch unternahm, dessen kleine Ecken und Kanten glatt zu bügeln, sondern diese sogar noch mit geübtem Blick fürs Detail extra herauszuarbeiten schien. Ein Ansatz, der gerade dieser Symphonie nicht schlecht bekam, die einen deutlich schrofferen Tonfall anschlägt als die frühen Werke. So setzte der Dirigent dem leise verklingenden zweiten Satz ein kraftvoll ausladendes Scherzo entgegen, dessen augenzwinkernder und dabei sehr englischer Humor auch im expressiven Finale zu spüren war, dessen abrupter Schluss manchen Zuhörer jedoch ein wenig ratlos zurückzulassen schien.

Keine derartigen Verständigungsprobleme gab es dagegen bei Antoní´n Dvorá´ks sechster Symphonie, deren volkstümlichen Tonfall Davis genau traf, ohne es dabei allzu sehr tümeln zu lassen. Wie in den Kompositionen von Ralph Vaughan Williams immer ein Stück England mitschwingt, ist auch in Dvorá´ks Musik stets seine tschechische Heimat präsent.

Doch Anflüge von falsch verstandener Sentimentalität ließ Colin Davis deshalb trotzdem erst gar nicht aufkommen. Auch für das zweite Werk des Abends bevorzugte der Dirigent eine sachlich klare Art des Musizierens und übte sich dabei vor allem zu Beginn in vornehmer Zurückhaltung, wodurch die Intensität der beiden abschließenden Sätze noch zusätzlich hervorgehoben wurde.

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