Ohne Sprengstoffgürtel

- Wort für Wort, ja Gedankenstrich für Gedankenstrich kann Alexander Nerlich Lessings Drama "Philotas" zitieren. Der Regisseur, 1979 in Reinbek bei Hamburg geboren, inszeniert für das Bayerische Staatsschauspiel - sein Debüt am Haus - das Werk aus dem Jahr 1759. Morgen hat es im Marstall Premiere. Die Titelrolle spielt Felix Klare. Ist es möglich, sich dieses recht unbekannte Stück über den Opfertod fürs Vaterland, den Selbstmord eines jungen Menschen freiwillig zuzumuten? Nerlich hat es getan.

Und es waren wohl die geheimnisvollen Gedankenstriche in Gotthold Ephraim Lessings (1729- 1781) Tragödie, die den Raum hinter der Heroen-Fassade geöffnet haben. "Es ist schwer zu begründen warum, aber ich mochte der Geradlinigkeit von Philotas' Entscheidung, sich zu töten, nicht trauen."

Dann spricht Nerlich den Text des im Krieg gefangen genommen Königssohns - inklusive "Gedankenstrich". "Da ist einer, der sich ständig selbst unterbricht. Philotas versucht, sich die Wiederbegegnung mit dem Vater in Liebe vorzustellen. Liest man die Gedankenstriche mit, dann ist das eine Talfahrt vom Himmel in die Hölle." Höchste Genauigkeit und höchster Respekt vor dem Text kennzeichnen Alexander Nerlichs Denken und Reden.

Kein Spott, kein Ressentiment gegenüber dem Jüngling, der als Geisel doch problemlos ausgetauscht werden könnte. Schließlich ist der Sohn des feindlichen Königs bei Philotas' Vater in Haft. "Es hilft, das Stück nicht nur mit dem Etikett ,Heldentod’ zu betrachten", erklärt der Regisseur mit ruhiger, leiser Stimme. "Philotas' Selbstmord-Idee kommt aus einem inneren Konflikt; aus dem Selbstbetrug, dass er endlich den Beweis liefern kann, nicht umsonst auf der Welt zu sein. Philotas denkt sich hin zum Tod."

Tut man sich als junger Mensch leichter, diesen Philotas zu begreifen? "Ich kann ihn ganz gut verstehen", bekennt Nerlich. "Das kann, wer solche Extreme gesucht und überlebt hat." Der Prinz sei der Typus des Jugendlichen mit naiv kindlicher Denkungsart. "Er grübelt allem nach und deutet sich alles zurecht." Zu den Widersprüchen gehöre, dass "er gnadenlos im Urteil sich gegenüber ist". Nerlich betont auch "die merkwürdige Wechselwirkung mit der Umwelt. Und es gibt glückliche Momente. Warum können die nicht bestehen?" Eine Antwort gibt er als Theatermann: "Das kann man erzählen, nicht erklären."

Bescheidenheit lernen

Nerlichs vorurteilsloser Wissensdurst verhindert simple Parallelen, etwa zu den heutigen Selbstmordattentätern. "Philotas ist zu ambivalent. Die Tat richtet sich gegen ihn selbst, gegen den Vater. Philotas will als Friedensstifter in die Geschichte eingehen - und er schafft sich als Thronfolger ab." Sicher, der Königssohn sei mit "gefährlichen Thesen" übers Heldentum gefüttert worden. "Aber ich kann ihm keinen Sprengstoffgürtel umhängen." 

Wenn  man heutzutage so präzise und zurückhaltend vorgeht, gilt man dann nicht als "altmodisch" unter all den so angesagten und hochgepuschten Stückezertrümmerern? Muss man beunruhigt sein, sich behaupten zu können? "Muss man nicht", antwortet der Mann mit feinem Lächeln. "Ich möchte mich nicht messen lassen an anderen Stilen. Nicht meiner Person gilt die Aufmerksamkeit, sondern dem Text."

Nerlich, der schon Projekte für Düsseldorf, Tübingen, Basel und am Staatsschauspiel in Aussicht hat, begann hier in München 1999 an der Bayerischen Theaterakademie seine Regieausbildung. Mittlerweile hat er einige Praxis erlangt. Was lernt man dabei, was eine Akademie nicht leisten kann? Das geschützte Proben falle weg, überlegt er, um dann zu betonen: "Ich habe viel gelernt durch die intensive Begegnung mit erfahrenen Schauspielern. Das hat mein Vokabular, meinen Blick erweitert. Früher war ich zu unsicher im Dialog mit den Schauspielern. Man wächst an der gemeinsamen Inspiration." Und: "Es besteht die Distanz zum professionellen Theater. Ich bilde mir nicht ein, Künstler zu sein. Bescheidenheit, die habe ich gelernt."

Gut beschäftigt ist Alexander Nerlich am Sprechtheater. Das Musiktheater ruht, obwohl er schon einiges ausprobiert hatte, etwa "La Didone" von Cavalli (Theaterakademie/ Reaktorhalle). "Ich bin glühend daran interessiert. Ich würde gern eine Assistenz machen, denn ich traue mich jetzt noch nicht, einen Chor zu führen. Aber auch am Sprechtheater findet Musik statt . . ."

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